Dies ist eine Bedrohung der Unabhängigkeit und des Wertes der menschlichen Persönlichkeit. Nichts bedroht die Freiheit der Persönlichkeit und den Sinn des Lebens so sehr wie Krieg, Armut und Terror. Aber es gibt auch indirekte Gefahren. Eine davon ist die Verdummung der Menschen durch die Massenkultur mit ihrer bewußten, häufig kommerziell motivierten Senkung des geistigen Niveaus, mit ihrem Schwergewicht auf Unterhaltung oder Nützlichkeitsdenken und ihrer sorgsam schützenden Zensur.

Eine andere Frage ist die der Erziehung. Ein Bildungssystem unter staatlicher Kontrolle, Trennung von Schule und Kirche, allgemeine freie Erziehung – all dies sind große Errungenschaften sozialen Fortschritts. Aber alles hat auch seine Kehrseiten. So etwa die übertriebene Standardisierung des Lehrvorgangs, besonders in Literatur, Geschichte, Bürgerkunde, Geographie. Pochen auf Autorität und Beschneidung von Diskussionen kann für Menschen in einem Alter, in dem sich persönliche Überzeugungen zu formen beginnen, nur eine Gefahr sein. Im alten China führte das System der Prüfungen für staatliche Posten zu geistiger Stagnation und zur Kanonisierung der reaktionären Züge des Konfuzianismus.

Die moderne Technologie und Massenpsychologie bieten immer neue Möglichkeiten, die Verhaltensweisen, die Sehnsüchte und Überzeugungen der Menschen zu manipulieren. Dies beinhaltet nicht nur Management durch Information, das auf der Theorie der Werbung und Massenpsychologie beruht, sondern auch Methoden mehr technischer Art, die in der Presse des Auslandes weithin diskutiert werden. Beispiele sind die biochemische Kontrolle der Geburtsrate, biochemische oder elektronische Kontrolle seelischer Vorgänge.

Mir scheint, daß wir auch in diesen Bereichen den Fortschritt von Wissenschaft und Technik nicht verhindern können. Aber wir müssen uns der beängstigenden Gefahr für alle menschlichen Werte bewußt bleiben, die im Mißbrauch technischer, biochemischer und massenpsychologischer Methoden liegen.

Wir dürfen die von Norbert Wiener in seinem Buch „Kybernetik“ genannte sehr reale Gefahr nicht vergessen, nämlich das Fehlen stabiler menschlicher Verhaltensweisen in kybernetischen Maschinen. Die in Versuchung führende, nie vorher dagewesene Macht, die die Menschheit, oder, schlimmer, eine besondere Gruppe in einer geteilten Menschheit, von den weisen Ratschlägen ihrer künftigen geistigen Helfer (den künstlichen Denkautomaten) ableitet, könnte zu einer tödlichen Bedrohung werden. Die Ratgeber könnten sich als völlig hinterlistig erweisen und anstatt menschliche Ziele aufzuzeigen, ganz abstrakte Ziele verfolgen, die in „unmenschlicher“ Weise im künstlichen Gehirn entstanden sind.

Wir wollen nun zu den Gefahren des Heute zurückkehren, zur Notwendigkeit der Geistesfreiheit, die allein die Öffentlichkeit als Ganzes und die Intelligenz instandsetzen kann, alle Pläne und Entscheidungen der herrschenden Gruppe zu kontrollieren.

Anklage gegen die Zensur