Der Faschismus in Deutschland dauerte zwölf Jahre. Der Stalinismus in der Sowjetunion dauerte doppelt so lange. Beide haben viele gemeinsame Merkmale, aber es gibt auch gewisse Unterschiede. Der Stalinismus zeigte eine viel subtilere Art der Heuchelei und Demagogie, und er stützte sich nicht auf ein so offen kannibalisches Programm wie Hitler, sondern auf eine fortschrittlichewissenschaftliche und populäre sozialistische Ideologie.

Dies diente als willkommener Schutzschild, um die Arbeiterklasse zu täuschen, die Wachsamkeit der Intellektuellen und anderer Rivalen im Kampf um die Macht zu schwächen, bis dann mit der Folter-, Hinrichtungs- und Spitzelmaschinerie Millionen Menschen, die in ihrer Mehrheit weder feige noch dumm waren, eingeschüchtert und zum Narren gehalten wurden. Als Folge dieser „spezifischen Eigenschaft“ des Stalinismus geschah es, daß das Sowjetvolk, mit seinen begabtesten und ehrlichsten Vertretern, den schwersten Schlag erlitt.

Mindestens zehn bis fünfzehn Millionen Menschen sind in den Folterkammern des NKWD durch Torturen und Hinrichtungen umgekommen, ebenso wie in den Lagern für verbannte Kulaken (Großbauern) und sogenannte Halbkulaken und ihre Familienmitglieder und in den Lagern „ohne das Recht der Korrespondenz“ (die tatsächlich die Prototypen der faschistischen Todeslager waren).

Menschen gingen in den Bergwerken von Norilsk und Workuta an Erfrierungen und Unterernährung zugrunde, bei zahllosen Bauprojekten, beim Holzfällen, bei Kanalbauten oder einfach während des Transports in Gefangenenzügen, in den überfüllten Laderäumen von „Totenschiffen“ in der Ochotskischen See und während der Umsiedlung ganzer Völker, der Krim-Tataren, der Wolga-Deutschen, Kalmücken und anderer Kaukasus-Stämme. Leser der Literaturzeitschrift „Novy Mir“ konnten eine Beschreibung der „Todesstraße“ zwischen Norilsk und Igarka (Nordsibirien) lesen. Zwar wurden die Herrscher zuweilen ausgetauscht (Jagoda, Molotow, Jeschtschow, Schdanow, Malenkow, Berija), aber das volksfeindliche Regime Stalins blieb unverändert grausam und zugleich dogmatisch, engstirnig und blind. Die Tötung von Militärs und Ingenieuren vor dem Krieg, der blinde Glaube an die „Vernunft“ des Verbrechergenossen Hitler und andere Gründe für die nationale Tragödie von 1941 sind im Buch von Nekritsch, den Anmerkungen von Generalmajor Grigorenko und anderen Publikationen eindrucksvoll geschildert worden.

Stalinistischer Dogmatismus und die Isolierung vom wirklichen Leben zeigte sich vor allem auf dem Lande: in der Politik unbegrenzter Ausbeutung und räuberischer Zwangsablieferung zu „symbolischen“ Preisen, in der nahezu sklavenhaften Abhängigkeit der Bauernschaft, in dem Entzug der einfachsten Mittel für eine Mechanisierung und der Ernennung von Kolchos-Leitern nur nach dem Maßstab ihrer Willfährigkeit. Die Ergebnisse sind evident: Eine tiefgehende und schwer wieder zu behebende Zerstörung der Wirtschaft und Lebensform auf dem Lande, die nach dem Gesetz der miteinander kommunizierenden Röhren auch auf die Industrie nachteilig wirkte.

Der unmenschliche Charakter des Stalinismus zeigte sich in der „Sonderbehandlung“ der Kriegsgefangenen, die die Nazi-Lager überstanden hatten und dann in stalinistische Lager geworfen wurden; in den gegen die Arbeiter gerichteten Verordnungen; der verbrecherischen Vertreibung ganzer, zu langsamem Tod verurteilter Völker; der dumpfen, zoologischen Art des Antisemitismus, der für die stalinistische Bürokratie und den NKWD (und Stalin persönlich) charakteristisch war; in der für Stalin bezeichnenden Ukraino-Phobie und den drakonischen Gesetzen zum Schutze sozialistischen Besitzes (fünf Jahre Gefängnis für den Diebstahl einiger Ähren vom Acker), die hauptsächlich dazu dienten, die Anforderungen des „Sklavenmarkts“ zu erfüllen.

Eine umfassende Analyse des Ursprungs und der Entwicklung des Stalinismus enthält die 1000-Seiten-Monographie von R. Medvedew. Sie ist von einem sozialistisch-marxistischen Standpunkt aus geschrieben und ein erstaunliches Werk, nur unglücklicherweise ist sie bis heute nicht veröffentlicht worden. Der Verfasser dieser Schrift wird zwar kaum ein Lob vom Genossen Medvedew bekommen, weil jener „westliche“ Elemente in seinen Ansichten findet. Nun, es gibt nichts Besseres als eine Kontroverse. Tatsächlich sind meine Ansichten tief sozialistisch, und ich hoffe, daß der aufmerksame Leser dies bemerkt.