Wiehl und Oberwiehl und der Kampf um die „Zentralität“

Von Nina Grunenberg

Wie arm, wie reich sind die deutschen Gemeinden? Man kann darüber streiten und Statistiken wälzen, man kann versuchen, es in den Rathäusern selbst herauszufinden. Fest steht: die Gemeinden haben als erste zu spüren bekommen, was man die „Rezession“ nennt – und das schneller, als Theoretiker vermutet hatten.

Die Pro-Kopf-Verschuldung der Wiehler ist seit dem Konjunkturrückgang pfeilgerade in die Höhe geschnellt. Im Etat stand sie nicht. Die Verwaltung hatte auf eine Fixierung verzichtet, um ihre Gemeindevertreter nicht zu ängstigen. Zu erfahren war aber, daß bei einem jährlichen Gemeinde-Umsatz von zwölf bis 14 Millionen Mark die Schulden, die aus „unrentierlichen Investitionen“ entstehen (Schulen, Sportanlagen und Kindergärten, Sanierungen, Straßen- und Wirtschaftswegebau, Feuerschutz), Anfang 1965 5,3 Millionen Mark betrugen, Anfang 1968 aber 8,5 Millionen.

In der gleichen Zeit sanken die Gewerbesteuer-Einnahmen von 3,4 Millionen Mark auf 1,6 Millionen Mark, so daß die Gemeinde heute nicht leben könnte ohne die Zuweisungen aus dem „Ausgleichsstock“, dem Almosentopf des Landes.

Die Talsohle der Wirtschaft traf Wiehl besonders hart, weil die Gemeinde in der Hauptsache vom Wohlergehen eines einzigen Betriebes abhängig ist: von der Bergischen Achsenfabrik Fritz Kotz, in der 2500 Wiehler und Pendler aus Nachbargemeinden arbeiten. Vom Ruhm der Firma, die sich in der dritten Generation in Familienbesitz befindet, kündet ein kulturhistorischer Prachtband über 5000 Jahre „Achse, Rad und Wagen“, der im Auftrag der Achsenfabrik von Wilhelm Treue geschrieben wurde.

Im Wiehler Volksmund heißt die Firma nur „Der Kotz“. Und was der Kotz wohl sagt und denkt, ist nicht selten Gegenstand ehrfürchtiger oder leicht besorgter Überlegungen. Als jetzt, zum Beispiel, die Jäger mit den Grundstücksbesitzern die Jagdpacht neu aushandelten, war ihre bohrende Sorge, ob der Kotz sich mit ihrem Angebot zufriedengeben würde. Denn er ist der größte Grundherr der Gemeinde.