„Wir haben gehalten, was wir versprochen haben. Und wir sind mit der Überzeugung wiedergekommen, mit der wir nach Cierna gegangen waren: daß wir ohne Zögern den Weg fortsetzen werden, den die Partei und das ganze Volk seit Januar eingeschlagen haben. Für unser Volk kann es nichts anderes geben.“

So ließ sich Alexander Dubček am vorigen Sonntag erleichtert im tschechoslowakischen Fernsehen vernehmen. Der Prager Parteichef kommentierte die Konferenz von Bratislawa (Preßburg), an der die Parteiführer der UdSSR, Polens, Ungarns, Bulgariens, der ČSSR und der DDR teilgenommen hatten, und das sowjetisch-tschechoslowakische Gipfeltreffen, das in Cierna vorausgegangen war.

Ob Dubčeks Worte auch in Moskau, Warschau und Ostberlin als legitime Schlußfolgerung anerkannt werden, kann freilich erst die Zukunft erweisen. Denn die „Preßburger Deklaration“, die als Ergebnis der denkwürdigen Konferenzserie am Wochenende verabschiedet wurde, trägt das Doppelgesicht eines Kompromisses.

Auf eine kurze Formel gebracht: Mit einem Bekenntnis zu unbedingter Lagertreue hat sich die Prager Parteiführung von der sowjetischen Interventionsdrohung befreit und vorläufig einen gewissen Spielraum für ihre innenpolitischen Reformen erreicht. Einerseits garantiert die Deklaration

  • Gleichberechtigung, Souveränität, nationale Unabhängigkeit und territoriale Integrität der Ostblockstaaten und
  • das Recht „jeder Bruderpartei“, die Fragen der sozialistischen Entwicklung „schöpferisch“ zu lösen und dabei „die nationalen Besonderheiten und Bedingungen“ zu berücksichtigen.

Andererseits aber werden die Unterzeichner – also auch die ČSSR – verpflichtet

  • die ideologischen „Essentials“ des Kommunismus zu bewahren – so den Marxismus-Leninismus, die führende Rolle der KP, den demokratischen Zentralismus und den proletarischen Internationalismus und
  • den Warschauer Pakt und den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) zu stärken und ihre „Aktionen auf dem internationalen Schauplatz abzustimmen und zu koordinieren.“