Von Peter Roese

Die moderne Gesellschaft könnte an ihrer eigenen Kompliziertheit ebenso zugrunde gehen wie die Dinosaurier an ihrer übergroßen Masse, so befürchtet Professor Robert Fano (Massachusetts Institute of Technology – MIT). Die Agonie wäre begleitet von einem Chor monologisierender Fachidioten, die sich gegenseitig nicht mehr verstehen. Denn mit dem lawinenartig anwachsenden Wissen vermehrt sich der Bedarf an Spezialisten. Die Schlußfolgerung ist so klar wie das Einmaleins: da sich das Wissen derzeit wesentlich schneller vermehrt als die Bevölkerung, läßt sich errechnen, wann die Zahl der nötigen Spezialisten die Einwohnerzahl eines Landes übersteigt.

Glücklicherweise gibt es einen technischen Ausweg aus dieser Sackgasse, erklärte Fano letzten Freitag auf der Schlußveranstaltung des Berliner Computer-Kongresses, der vom MIT und der Technischen Universität Berlin veranstaltet wurde. Neuartige Computer-Systeme werden in den kommenden Jahren Spezialwissen und Spezialfähigkeiten für jedermann verfügbar halten; sie werden auch denen zu Diensten sein, die das Programmieren oder die Computertechnik nicht beherrschen.

So, und nur so kann die Gesellschaft die fundamentale Begrenzung der Spezialisierung überwinden. Fano ist der Leiter eines Projektes am MIT, das solche Computer-Systeme seit einigen Jahren entwickelt. Hauptziel ist es, das Computer-Monopol der großen Organisationen, Firmen und Bürokratien zu brechen und die Rechenkapazität der Elektronengehirne ebenso in die einzelnen Haushalte zu liefern, wie es seit Anfang des Jahrhunderts mit der elektrischen Energie geschieht. Dann wird sich jeder Bürger über eine Datenfernleitung an einen zentralen Großcomputer anschließen und einen Teil von dessen immensen Datenspeichern für sich reservieren lassen können. Für seine privaten und öffentlichen Entscheidungen (Familienbudget etwa oder die nächste Parlamentswahl) wird er vom Computer alle nötigen Informationen erhalten. Ein allgemein zugänglicher Datenspeicher enthält mehr Informationen als das umfangreichste Konversationslexikon und wird täglich auf den neuesten Stand gebracht.

Dies klingt utopisch? Fano weist darauf hin, daß es die Computer vor 15 Jahren praktisch noch nicht gab. Niemand hätte damals ihren heutigen Entwicklungsstand erahnen können. Jetzt wird es keine 15 Jahre mehr dauern, bis sich seine Prophezeiung vom öffentlichen Computerdienst erfüllen wird, meint der Gelehrte. Dann wird sich auch der Irrtum mancher Experten korrigieren, die den Computer für ebenso bedeutsam halten wie die Erfindung der Drucktechnik und der anderen Massenkommunikationsmittel. Denn Denkmaschinen und Datenspeicher der anvisierten Entwicklungsstufe bringen viel mehr, sagte Fano: die Kommunikation auf den herkömmlichen Massenmedien verläuft auf Einbahnstraßen. Alle Leser, Hörer, Zuschauer nehmen dasselbe wahr. Der hohe Preis für die technische Perfektion zwingt zu Höchstauflagen, zur Konzentration; Konformität – notwendigerweise auf niedrigstem Niveau – ist die Folge.

Professor Fano sagte nicht, daß die Computer diese Tendenz umkehren werden. Er sagte nur, daß wir mit ihrer Hilfe die Gelegenheit dazu haben. Aus einem breiteren Informationsangebot könnten wir freier wählen. Wir könnten dem Computer befehlen, uns täglich alle einlaufenden Informationen über uns interessierende Gebiete in Politik oder Wirtschaft zusammenzustellen, über Vorschläge zur Hochschulreform oder die Discount-Whisky-Preise im Umkreis von fünf Kilometern. Schüler und Studenten könnten effektiver lernen. Sie können, je nach ihrer individuellen Lernpsychologie, von allgemeinen Gesichtspunkten zum Speziellen oder von den Details zu generellen Übersichten fortschreiten. Und diese neuen Lernmöglichkeiten werden jeden angehen, wenn – wie Fano voraussieht – die Mehrheit der Bevölkerung eine Universitätsausbildung erhält.

Die Computerforscher werden Mittel bereitstellen, die es jedem Bürger gestatten, sich fast ebenso umfassend und detailliert zu unterrichten wie die Machtspitzen in Politik und Wirtschaft. Wie aber, wenn jene Machtspitzen ein Non-Proliferationsabkommen über die Computerkapazität abschließen? Wenn die Rechengiganten mit dem Argument, ein öffentlicher Computerdienst sei zu teuer, weiter wie bisher den Organisationen vorbehalten bleiben? Wenn die gesellschaftliche Bedeutung der Computer weiter, wie bisher, von der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen wird? Wenn niemand dem Preis, den der Staat für seine Sicherheit ausgibt (Was kosten Bundeswehr, Polizei, Verfassungsschutz, Geheimdienste?), die Kosten für ein Computer-Netz (das der Sicherheit des Bürgers vor Informations- und Meinungsmonopolen, mithin vor unkontrollierbarer Macht dient) gegenüberstellen kann?