Wir muten unseren Lesern in dieser Woche viel zu. Wir muten ihnen zu, ein Memorandum zu lesen, das über vier Seiten der ZEIT geht. Es sind die Gedanken von A. D. Sacharow, einem bedeutenden sowjetischen Atomphysiker, der am Bau der ersten russischen Wasserstoffbombe beteiligt war und dessen Name unter verschiedenen Petitionen stand, die kritisch zu politischen Fragen der Sowjetunion Stellung nahmen.

Dies ist das aufregendste sowjetische Dokument seit dem Beginn der Entstalinisierung – seit Chruschtschow auf dem XX. Parteikongreß 1956 jene berühmte Rede hielt, die als Versuch, die terroristische Vergangenheit zu bewältigen, in die Geschichte eingegangen ist. Warum ist Sacharows Memorandum so aufregend?

Wer häufig bei Konferenzen und Kongressen mit Russen diskutiert hat, der kennt das entmutigende Gefühl, das sich regelmäßig nach Ablauf des ersten Tages, manchmal schon nach einigen Stunden, einstellt – ein Osteuropäer drückte es neulich so aus: "Man meint, es würde einem die Prawda vorgelesen, man könnte genausogut mit einer Grammophonplatte diskutieren."

Es ist tatsächlich immer das gleiche: Man selber spricht über das, was man sieht, über die Erfahrungen, die man gemacht hat, über die Schlüsse, die man daraus zieht, und der andere beweist einem, daß das, was man gesehen hat, gar nicht existiert, daß man die Erfahrungen, von denen man gerade berichtete, gar nicht hat machen können, und daß die Schlüssse, die man aus dem Ganzen gezogen hat, falsch sind, weil man vergessen habe, bei der Interpretation die ökonomisch-gesellschaftliche Basis zu analysieren. Nie decken sich die Bilder, die beide Seiten von der Wirklichkeit haben. Immer wird den Kommunisten der Blick auf die Realität durch das Dogma verstellt.

Ganz anders das Memorandum von Sacharow. Da gibt es keine Schwarzweißmalerei, da sind nicht die Kommunisten von Natur aus und in allen Lebenslagen gut und die Kapitalisten selbstverständlich ohne jeden Unterschied böse, da werden die zwischenstaatlichen Beziehungen nicht nach dem Freund-Feind-Schema geordnet. In der Analyse des Kommunisten Sacharow erscheint die Welt zum erstenmal so, wie sie ist: Die Anfechtung der Macht ist für alle groß; die Menschenrechte werden von allen verletzt; der Kapitalismus ist nicht zum Untergang verdammt, sondern reformbedürftig – genau wie der Kommunismus; die Amerikaner haben ihr Maß an Schuld am Vietnamkrieg, die Russen an der Situation im Nahen Osten...

Sacharow macht deutlich, daß die Menschheit angesichts der physischen Zerstörungsmöglichkeiten, die beide Seiten besitzen, nur eine Überlebenschance hat, wenn die Supermächte sich auf einen Katalog gemeinsamer Grundinteressen einigen. Das macht deutlich, daß die moderne Industriegesellschaft nur funktionsfähig ist, wenn an die Stelle von Demagogie Aufklärung gesetzt wird und wenn die Freiheit der Information und der Meinungsbildung gewährleistet ist.

Er ist der Meinung, daß die großen Aufgaben, die dieser Generation und den folgenden gestellt sind, unmöglich im Gegeneinander, sondern nur im Miteinander bewältigt werden können: erstens die Konzentration der nuklearen Energie auf ausschließlich friedliche Zwecke, zweitens die wirtschaftliche Entwicklung der südlichen Hälfte unserer Welt, um zu verhindern, daß die reichen Nationen immer reicher, die armen immer ärmer werden, und drittens die Notwendigkeit, dem Menschen als geistigem und künstlerischem Wesen in einer immer stärker technisierten Umwelt seinen Spielraum zu erhalten.