Von Wolfram Siebeck

Die politische Meinungsbildung und öffentliche Kritik seien nicht die Hauptaufgaben der Presse, sondern die Hilfe für die Menschen bei der Bewältigung des Lebens, schrieb Conrad Ahlers in der letzten Woche. Und die Art, wie Journalisten mit der Prominenz umgehen, hält er für gröbste Entartungserscheinungen des zeitgenössischen Journalismus.

Jetzt wurde in Bonn unter seinem Protektorat die Ausstellung "Entarteter Journalismus" eröffnet.

Wer die Liebe und die Sorge kennt, mit der Conrad Ahlers von jeher die Entwicklung des zeitgenössischen Journalismus beobachtete, weiß, daß damit ein langgehegter Wunsch des stellvertretenden Regierungssprechers in Erfüllung gegangen ist. In seiner Eröffnungsansprache sagte er unter anderem:

"Wir befinden uns in einer Schau, die ... nur einen Bruchteil dessen umfaßt, was von einer großen Zahl von Verlagen für Spargroschen des deutschen Volkes gedruckt und als Journalismus ausgegeben wurde. Sie sehen um uns herum die Ausgeburten der Kritik, der Respektlosigkeit und der Meinungsbildung...

Wie meine Eindrücke im einzelnen beim Lesen dieser Werke waren, kann ich Ihnen mitzuteilen mir hier ersparen. Ich hoffe, daß es die gleichen sind, die Sie beim nachfolgenden Rundgang haben werden. Es muß einem das Grauen kommen, wenn man als alter Spiegel-Redakteur sieht, wie Bestechungsskandale in aller Öffentlichkeit breitgetreten oder Minister beim Namen genannt werden..."

Wie weit die Entartung schon fortgeschritten war, zeigten die ausgestellten Werke der entarteten Journalisten. Da hingen Leitartikel, die sich anmaßten, das Hinauszögern der Unterzeichnung des Atomsperrvertrages zu kritisieren; Kommentare, die die Sonntagsreden der Vertriebenenfunktionäre tadelten; freche, respektlose Journalisten nannten den Bundespräsidenten kleinkariert, den Bundeskanzler ein ehemaliges Parteimitglied und hielten dem mehrfachen Ehrendoktor Franz Josef Strauß Unwahrhaftigkeit vor.