Von Walter Schaab

Das 2. Vatikanische Konzil hatte die Notwendigkeit einer Geburtenlenkung prinzipiell anerkannt: sowohl im Hinblick auf die Gesundheit der Frau und auf die wirtschaftliche Situation der einzelnen Familie als auch, und das nicht zuletzt, auf die drohende Übervölkerung der Erde. Das Recht und die Pflicht der Eheleute zu einer Steuerung der Geburten nach Zahl und Zeit war schon in den Dokumenten der letzten Päpste immer deutlicher ausgesprochen worden. Das Konzil deklarierte die Gewissensentscheidung der Eheleute für die verantwortbare Kinderzahl nicht als nur Zugeständnis, sondern als eine grundlegende Pflicht der Eheführung.

Zu den erforderlichen Methoden der Empfängnisverhütung aber hat das Konzil dann keine Stellung bezogen. Auf Weisung Pauls VI. war dieses Problem der Diskussion in der Konzils-Aula entzogen und einer nachkonziliaren päpstlichen Studienkommission zugewiesen worden, die sich aus Ärzten, Psychologen, Soziologen und Theologen zusammensetzte. Dieses Unternehmen (schon von Johannes XXIII. begonnen) wurde allgemein begrüßt, da es den Willen des Papstes zu beweisen schien, in dieser Frage zu einem sachlich fundierten und nicht ideologisch bestimmten Ergebnis zu kommen.

Nach mehrjähriger Beratung der Fachleute verabschiedete schließlich eine vom Papst ernannte Bischofskommission mit qualifizierter Mehrheit ein abschließendes umfangreiches Gutachten. Es kam zu der Empfehlung, die Wahl der Methode der Empfängnisverhütung prinzipiell den Eheleuten zu überlassen.

Da sich der Präsident der Kommission, Kardinal Ottaviani, weigerte, dieses Gutachten dem Papst zu überbringen, wurde Kardinal Döpfner damit beauftragt. Die unterlegene Minderheit der Kommission fertigte ein Gegengutachten aus, das auf der Beibehaltung der traditionellen Ehemoral bestand, und wies dabei auf die erforderliche Kontinuität der päpstlichen Lehräußerungen hin; sie gab also keine sachgerechte, sondern eine ideologische Begründung.

Diesen Standpunkt einer kleinen extrem konservativen Gruppe vorwiegend römischer Prälaten hat sich der Papst nun mit seinem Lehrschreiben „Humanae vitae“ unter Mißachtung der Argumentation der großen Mehrheit der von ihm eingesetzten Studienkommission zu eigen gemacht. Er sanktionierte damit eine offenkundig unvollkommene Ehe- und Geschlechtsauffassung.

Die Problematik der Empfängnisverhütung ist nach dem 2. Vaticanum ein zentrales Thema innerkirchlicher Diskussionen geworden. Es wurde erkannt, daß die bisherigen Normen auf überholten Voraussetzungen basieren. In der Sicht gegenwärtiger Theologie gewinnt die partnerschaftliche Geschlechtsgemeinschaft in der Ehe nicht erst Sinn und Berechtigung durch Hinordnung auf einen übergeordneten Zweck der Kindererzeugung und -erziehung. Ehe als personale Gemeinschaft von Mann und Frau wird als Lebensform aus eigenem Sinngehalt gewertet; sie ist in jener ganzheitlichen, leibgeistigen Liebe begründet, die in der geschlechtlichen Intimbegegnung Ausdruck und Gestalt gewinnt. Der katholische Moraltheologe Auer bemerkt dazu: „Theologisch gesprochen ist der Mensch nicht, wie das Tier, um der Fortpflanzung willen als Paar erschaffen worden, sondern im Hinblick ... auf die ganzheitliche Vereinigung zweier einander zubestimmter Menschenwesen.“