Unser Kritiker sah:

SPIEL VON KÖRPER UND SEELE Geistliche Oper von Emilio de Cavalieri Salzburger Festspiele, Felsenreitschule

In zwei Jahren feiern die Salzburger Festspiele ihr fünfzigjähriges Bestehen. Im Laufe der Zeit haben sie sich aus einer Gründung des Worttheaters zu einem Opern-Festival mit deutlicher Tendenz zum Massenspektakulum entwickelt. Unter solchen Umständen muß man eigentlich schon den Atem anhalten, wenn nach achtundvierzig Jahren Festspielverschleiß zum ersten Mal genau das auf einer spezifisch Salzburger Bühne, der Felsenreitschule, in Szene geht, was man 1920 suchte, aber damals nicht fand: das geistliche Drama, stilistisch verschwistert der barocken Stadtarchitektur Salzburgs.

Hugo von Hofmannsthal lieferte 1920 als Ersatz ein christliches Moralspiel: die jedermann-Adaption, 1922 eine Calderon-Version: „Das Salzburger Große Welttheater“. Max Reinhardt inszenierte in diesem Rahmen auch Paul Vollmoellers „Mirakel“. Doch erst Bernhard Paumgartner, der 1920 schon dabei war, entdeckte Anfang der vierziger Jahre während seiner italienischen Emigration, was sie alle gesucht hatten: die geistliche Oper „Rappresentazione di Anima e Corpo“ aus dem Jahre 1600.

Der Präsident war, laut Einlage im Programmheft, durch Indisposition verhindert, die Premiere selber zu dirigieren. Sein Assistent Rolf Maedel vertrat ihn am Pult. Als Paumgartner trotzdem beim Schlußapplaus auf der Bühne erschien, schwoll der Beifall zur Ovation an.

Die Ausgrabung Cavalieris dürfte ein Salzburger Unikum bleiben. Musikhistorisch wurde demonstriert, daß die „Erfindung“ der Oper als Kunstform keineswegs ein Genieblitz der Renaissance-Camerata um den Grafen Bardi in Florenz war. Gleichzeitig nämlich komponierte im ebenso „modernen“ Stil „der singenden Rede“ der Generalintendant höfischer Feste am Florentiner Medici-Hofe, Cavalieri, eine mittelalterliche Lauda und entwickelte sie – noch im im Stil des barocken Mysterienspiels – zur soeben geschaffenen „Oper“.

Cavalieris Personen sind allegorische Figuren. Der schein-dramatische Dialog zwischen Körper und Seele wird von kontemplativen Stimmen (Guter Rat, Einsicht) begleitet. Andere Allegorien heißen: Zeit, Vergnügen, Welt, selige Seele, verdammte Seele. Was zwischen ihnen als Text und Weltanschauung ausgetauscht wird, ist in der Salzburger Aufführung wohltuend durch die italienische Originalsprache kaschiert.

Paumgartner wollte erklärtermaßen keine christ-katholische Evangelisation auf einer Festspielbühne betreiben, sondern das Unikum einer geistlichen Oper vorführen. Zu diesem Zweck richtete er die Partitur für eine heutige Aufführung ein. Für die Sologesänge wurde der Begleitsatz neu ausgeschrieben: kleines Streicher- und fünfstimmiges Bläserensemble. Die Instrumente respondieren mit genauen Entsprechungen auf die hervorragenden Gesangschöre Cavalieris. Bei der Continuo-Begleitung der Sologesänge wurde die Einheitstonart des Komponisten je nach dem Charakter einer Figur variiert.

Eine Diskrepanz zwischen der musikalischen Einrichtung und der Inszenierung ergab sich durch die Tendenz der Regie Herbert Grafs zum szenischen Oratorium. Sie wurde unterstützt durch die Choreographie von Kurt Jooss. Beide stilisierten die Opernszene. Dabei erwiesen sich die von Jooss geführten Essener Folkwang-Tänzer als zu matt, um Schaubilder – wie das weltliche Vergnügen und dessen Umschlag in einen Totentanz – zu packenden Impressionen zu steigern. Der Schaueffekt auf der Felsenbühne war hauptsächlich den Bühnenbildnern Veniero Colosanti und John Moore zu danken. Sie bezogen die Logengalerien der Felsenreitschule, in denen die erlösten Seelen sangen, ein in eine dreiteilig zwischen Himmel, Erde und Hölle disponierte Mysterienspielbühne.

Obwohl ein Instrumentalensemble aus Salzburger Zweitkräften brav spielte und die Gesangssolisten mittelmäßig wirkten: Paumgartners eigensinnige Werkinitiative hat eine Bresche geschlagen. Dieser Cavalieri-Aufführung müßten nun folgen Monteverdi, Händel, Strawinsky, Penderecki – die oratorische Oper und das szenische Oratorium, inszeniert für die Felsenbühne an der Mönchsbergwand. Johannes Jacobi