TVP – die neue Kost ist seit einigen Tagen auf dem Markt, geformtes, entfettetes Sojamehl mit hydrolisiertem pflanzlichem Eiweiß, gewürzt mit Kräutern und Salz. TVP (textured vegetable protein) soll Fleisch ersetzen, wo Fleisch fehlt, abgelehnt wird oder zu teuer ist. Es enthält 50 Prozent Eiweiß, 32 Prozent Kohlehydrate, 6 Prozent Mineralien, maximal 1 Prozent Fett, 8 Prozent Wasser und 3 Prozent Fasern. TVP gilt es – vorläufig in einigen Kaufhäusern und Reihenläden – mit Schweinefleisch- und Rindfleischgeschmack.

Die Hausfrauen fühlen sich von der neuen Kost sichtlich noch nicht angezogen. Vor dem Hintergrund von Steaks, Rouladen und Braten ist die Schachtel mit dem Farbphoto vom Kunstgulasch nicht interessant. Was nur schmeckt „wie“ e:was, gilt eben als Ersatz.

Die Packung enthält zwei Tüten mit je 100 Gramm TVP. Die trockenen, braunen Brocken sehen aus wie Hundekuchen in Fleischform. Sie lassen einem nicht gerade das Wasser im Munde zusammenlaufen, und sie riechen nach Sojamehl. Die Ähnlichkeit mit Fleisch stellt sich ein, wenn man die Brocken in siedendes Wasser geworfen Im: Eiweißschaum entsteht, und es duftet nach Bouillon. Nach zwanzig Minuten sind die TVP-Stücke aufgequollen und weich, und sie sehen nun auch aus wie Fleisch. Das Pflanzen-Gulasch wird zubereitet wie richtiges Gulasch. Angebraten und gewürzt, schließlich mit einer Sauce versehen, zu der die bräunliche Brühe verwendet wird, erreicht es für das Auge absolute Ähnlichkeit, für die Zunge immerhin einen verblüffenden Grad von Fleischgeschmack. Wer gelegentlich in chinesischen Restaurants ißt, hat beim Probieren der neuen Kost den Verdacht, so etwas schon gegessen zu haben. Ob da Soja wie Fleisch oder Fleisch wie Soja geschmeckt hat?

TVP ist wesentlich billiger als das Fleisch, das es ersetzen soll. Zweihundert Gramm der trockenen Substanz entsprechen sechshundert Gramm Fleisch und kosten 2,98 Mark. Das Kunstfleisch ist fast unbegrenzt haltbar. Für Länder, in denen sich der chronische Eiweißmangel katastrophal auswirkt, könnte das neue Lebensmittel darum wichtig werden. Es läßt sich leicht transportieren.

Daß die, die an den richtigen Fleischtöpfen sitzen, sich auf den Ersatz stürzen werden, ist nicht zu erwarten. Aber sparsame Hausfrauen könnten es einschleichend auf den Familientisch bringen. Ein wenig TVP unter das richtige Gulasch gemischt, wird willig verputzt werden, vielleicht, ohne daß Vater und Kinder es merken.

Ruth Herrmann