Von Olle Granath

Olle Granath ist Mitarbeiter von „Dagens Nyheter“ und schwedischer Biennale-Kommissar für 1968

Wie schon die Biennale in Venedig, war auch die documenta in Kassel von der Besetzung durch linke Studenten bedroht. Die Lehren von Venedig, vielleicht auch ein größeres Verständnis für demokratische Spielregeln, bewirkten jedoch, daß man davon absah, nach den enormen und provozierenden Polizeikräften zu rufen, mit denen man in Venedig in einer Mischung aus Dummheit und autoritärem Übermut die Stadt gefüllt hatte. In Kassel hatte man statt dessen die oppositionellen Gruppen zu einer Diskussion in die „Stadthalle“ eingeladen. Die Diskussion war zwar nicht besonders ergiebig, aber die Tatsache, daß sie mit vielen Teilnehmern und interessierten Zuhörern zustande kam, zeigte, daß beide Seiten einen anderen Ausweg erkannten, als Gewalt gegen Gewalt zu setzen.

Daß die documenta dennoch nicht das ist, was sie vorgibt zu sein, liegt an ganz anderen Dingen Der Zustand totaler Desorganisation und Verwirrung während der Pressekonferenz und Eröffnung ist in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung.

Die documenta III (1964) hatte ihren Schwerpunkt durch ihr historisches Material. Sie bot eine außerordentliche Gelegenheit, eine stattliche Reihe der wichtigsten Klassiker dieses Jahrhunderts kennenzulernen. Ein ebenso ausstellungstechnisches wie kritisches Meisterwerk war die Handzeichnungen-Ausstellung, die Arbeiten vom Impressionismus bis zu dem damals Aktuellsten umfaßte.

Der diesjährigen documenta fehlt sowohl ein solcher Schwerpunkt als auch ein kritischer Rahmen. Weder die Abteilung, die sich „Ambiente“ nennt, noch eine Abteilung für „Multiple“ zeichnen sich durch irgendwelche besonders markanten Züge aus. Die Veranstalter waren offensichtlich mehr an der oberflächlichen Wirkung der Kunstwerke und ihrer Gegenständlichkeit interessiert als an den Ideen und zeitgenössischen Tendenzen, die sie verkörpern könnten. Dank dieser oberflächlichen Einstellung ist es zum Beispiel geglückt, Yves Klein mit jener amerikanischen Kunst, die „Post-painterly abstraction“ genannt wird, zusammenbringen. Beide haben soviel miteinander zu tun wie Ekelöf mit Hemingway!

Als störend empfindet man auch die deutlich mißproportionierte Berücksichtigung einzelner Künstler. Mißtrauische könnten hier vermuten, daß andere Prinzipien als die einer kritischen Auswahl die Zusammensetzung der Ausstellung bestimmt haben. Für einige große Kunsthandelshäuser, vor allem amerikanische, scheint sich die Ausstellung in Kassel als kommerzielle Expo bewährt zu haben: Derjenige, der Geld oder Einfluß hat, erhält den Platz, der im Verhältnis zu den Mitteln steht. Falls die Ursache dafür in wirtschaftlichen Schwierigkeiten innerhalb der documenta zu suchen ist, wäre es besser gewesen, man hätte das von Anfang an offen bekannt. Die documenta hätte dann eine Ausstellung nach Art der „Galeries des Pilotes“, wie sie früher in Lausanne stattgefunden hat, werden können.