Seit zwanzig Monaten lobt er nun schon, der Große Zürcher Literaturstreit. Im Winter 1967 sammelte Walter Höllerers Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter auf über 200 Seiten seine Zeugnisse der ersten Stunde; dann wurde ihm ein ganzes Buch gewidmet, ein Frontbericht von Erwin Jaeckle mit dem Titel „Der Zürcher Literaturschock“; und soeben unterbreitet die Sprache im technischen Zeitalter zehn weitere gesammelte Kampfhandlungen beziehungsweise Analysen von Kampfhandlungen. Der Fall gewinnt, langsam historische Dimensionen; es sieht so aus, als würden dereinst die Schüler den Zürcher Literaturstreit lernen wie etwa den Investiturstreit; als würden kommende Touristengenerationen seine Stätten besuchen: Und hier, im Schauspielhaus, war es, wo Emil Staiger am 17; Dezember 1966 seine Rede über Literatur und Öffentlichkeit hielt, die alles in Gang brachte... Dort sehen Sie das Zunfthaus zur Meise, wo Werner Weber seinen vermittelnden Diskurs vortrug ... Auf jenem Trottoir schritten die Kreise auf und ab, von denen Staiger angewidert annahm, die zeitgenössischen Dichter pflögen Verkehr mit ihnen ...

Es ist in diesem jedoch todernsten Streit sehr früh, eigentlich schon in den beiden Entgegnungen von Max Frisch und in einem Diskussionsbeitrag von Walter Boehlich, alles gesagt worden, was sich Staigers These, die moderne Literatur sei scheußlich, gemein und sittlich verantwortungslos, entgegenhalten läßt. Sich den Weg durch das Dickicht der Variationen zu bahnen und die Flora der Argumente zu klassifizieren, wäre eine mühsame Aufgabe – Norbert Miller hat sich ihrer im neuen Heft der Sprache im technischen Zeitalter fair und umsichtig entledigt.

Alle Kombattanten, so weist Miller nach, hätten erstaunlicherweise Staigers Voraussetzung akzeptiert: daß Literatur moralische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu tragen habe; gestritten worden sei nur darum, wer die richtigere Moral vertrete. Es wurde also, grob resümiert, darauf aufmerksam gemacht, daß Staiger eine durchaus historisch bedingte Moralposition für zeitlos verbindlich erklärt habe; daß eine neue Moral entstehen mag, wo ein Konservativer nur Scheußlichkeiten wahrnimmt; daß Staigers Lehre vom Wahren, Schönen, Guten wahrscheinlich schon seinerzeit von keiner Wirklichkeit gedeckt war; daß an ihr heute festzuhalten den Schriftsteller zur Lüge und damit erst eigentlich zur Unmoral sich selbst wie der Gemeinschaft gegenüber zwänge. Denn Staigers Prämisse, dies seien Zeiten des „Wohlstands und der Ruhe“ und das „Ekelhafte“ in der Literatur somit reiner Mutwille, ist offenkundig falsch – man muß schon auf dem Zürichberg leben, damit sich einem die Welt so darstellt.

Aber wenn das so ist, und es ist so – warum wurde das überhaupt zu einem so großen Fall? Priese ein Historiker in einer Festrede die schöne Ordnung der höfischen Welt, und plädierte er für die Wiedereinführung des Königtums – gäbe das den Großen Deutschen Politikstreit? Doch wohl kaum. Wieso aber in der Literatur?

Es scheint mir mit dem Vorhandensein der drei Öffentlichkeiten zusammenzuhängen: die eine (etwa 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung) liest gar keine Bücher; eine winzige Gruppe macht das eigentlich literarische Publikum aus; eine Mehrheit liest zwar, findet aber alle nicht gewohnten literarischen Formen zu anstrengend und möchte sich das Positive, wenn sie es schon im Leben nicht unbedingt findet, wenigstens von der Literatur vorspiegeln lassen. Die drei Gruppen verachten sich zwar (als „Intelligenzler“, als „Konsumidioten“), leben aber normalerweise im Waffenstillstand. Nur manchmal zwingt sie etwas zur Konfrontation, etwa ein Prozeß, der einem Buch gemacht wird und das literarische Publikum nötigt, sich vor dem großen Publikum in dessen Sprache und in dessen Kategorien zu verantworten. So zerstritten das literarische Publikum in sich ist, so deutlich ist es sich auch des Ausmaßes seiner Isolierung bewußt. Und so groß muß seine Bestürzung sein, wenn einer aus den eigenen Reihen wie Emil Staiger zum großen Publikum überläuft und mit ihm ruft: Schmutz und Zersetzung! Dieter E. Zimmer