Von Eka von Merveldt

Morgens um zehn Uhr war ich in Hamburg gestartet. Um 20.30 Uhr lokaler Zeit landete die Iljuschin der Interflug (DDR), ein Propellerflugzeug, mit 75 Westberlinern und Westdeutschen, etwa zur Hälfte Studenten darunter, auf dem Flughafen Scheremetjew in Moskau. Flugzeit: dreieinhalb Stunden.

Dazwischen lag eine Busfahrt im Zickzackkurs durch die Sperrmauern nach Berlin-Schönefeld, die umständliche Paßkontrolle durch höfliche Beamte mit zusammengekniffenen Lippen, die in Boxen mit hohen Milchglasscheiben saßen, und der Einkauf von westlichen Zigaretten zum halben Preis im Zollraum. Versandfertige Päckchen mit Lebensmitteln und Delikatessen konnte man dort für Bekannte und Verwandte, auch Freunde in der DDR kaufen, wenn man nur eine Adresse wußte.

In Moskau war gleichzeitig ein Flugzeug aus irgendwelchen fernen Weiten des Riesenreiches angekommen. Wieder drängten die Passagiere an verbarrikadierten Paßkontrolleuren vorbei. Es war die erste Begegnung mit Asien: Kleine Soldaten mit gelblichen Tartaren- und Kalmücken-Gesichtern standen in den Schlangen, schwarzhaarige Frauen.

Hinter den Zöllnern erwarteten die Reiseleiter deutscher Unternehmen (Tigges, Quelle, Fahr mit), die Dolmetscher und Reiseführer von Intourist die deutschen Touristen. Die Zolldeklaration, die heute überall in der westlichen Welt schon im Flugzeug ausgegeben und ausgefüllt wird, wurde verteilt mit der ausdrücklichen Anweisung: „Machen Sie keine Striche, schreiben Sie ‚ja‘ oder ‚nein‘ oder ‚keine‘. Geben Sie die Summe der Geldsorten, die Sie bei sich haben, an. Rubel dürfen Sie nicht einführen. Schreiben Sie in die Rubrik, die nach Gold, Silber, Platin, nach Metallbarren, Edelsteinen, Perlen und Schmuckstücken aus diesem kostbaren Material fragt, Ihren persönlichen Schmuck ein.“ Ratlosigkeit verbreitete sich unter den müden Flugpassagieren. Touristinnen wiesen auf ihren Halsschmuck, streckten ihre mit Ringen und Armbändern geschmückten Hände und Arme aus und fragten: „Muß ich das angeben?“ Die Reiseleiter taxierten die Broschen und Ketten, die zum größten Teil nur Liebhaberwert hatten, sie lachten ermunternd und urteilten schnell: Nein, nein, das brauchen Sie nicht anzugeben; ja, dieses Armband tragen Sie besser ein.

Die Erlebnisse einer Amerikanerin verbreiteten sich, die, gewohnt mit Abendkleidern und Schmuck zu reisen, ein Juwelenköfferchen im Wert von 100 000 Dollar bei sich trug und vergaß oder ablehnte, es einzutragen. Sie wurde an der Ausreise gehindert, weil man bei der Abfahrt nicht mehr von diesen kostbaren Werten mitnehmen darf, als man einführte. Sie mußte versuchen, ihre Vergeßlichkeit zu erklären, mußte bürokratische Instanzen durchlaufen, Beweise antreten, bis alles geklärt war und sie Rußland wieder verlassen durfte.

„Geben Sie an, welche Waffen Sie mitbringen und Munition“, hieß eine weitere Aufforderung.