Von Hans Gresmann

in Volk stirbt, es stirbt unter den Augen der Welt. Die Toten von Biafra werden über den Bildschirm Tag für Tag frei Haus in die Wohnzimmer aller Kontinente geliefert.

Täglich sterben nach allgemeinen Schätzungen etwa 6000 Menschen an Unterernährung – vor allem Kinder. Biafra galt schon immer als einer der am dichtesten besiedelten Teile Afrikas. Heute leben in dem Territorium, das noch im Besitz der von der nigerianischen Zentralregierung abgefallenen Ostprovinz ist, etwa 12 Millionen Menschen – davon rund 4,5 Millionen Flüchtlinge, denen es gelungen ist, der Unterdrückung oder gar dem Massaker zu entkommen. Zwölf Millionen Menschen also sind vom Tode bedroht. Und was geschieht?

Seit ein paar Wochen ist, vor allem in Europa, eine Welle der Hilfsbereitschaft aufgebrandet. Aber sie zerschellt an der starren Mauer der Politik. Spenden, die nicht an den Bestimmungsort gelangen, sind sinnlos. Aber darf man der Humanität mit Gewalt Wirkung verschaffen? Dies eben ist das Problem.

Die Konferenz von Addis Abeba, bei der die beiden Kampfhähne über ihre gegenseitige Kapitulation verhandeln, wird – davon darf man ausgehen – kein Ergebnis bringen. Lagos besteht auf Unterwerfung. Und die Haltung der Biafraner ist nicht anders zu formulieren als so: Sie riskieren den Selbstmord aus Angst vor dem Tode.

Aber muß denn die sogenannte zivilisierte Menschheit, die den Weltraum zum irdischen Vorort macht, deren Computer die Probleme des Jahrhundertendes schon heute lösen sollen, im Jahre 1968 tatenlos einem Völkermord zusehen? Im Anblick von aufgedunsenen, vom Tode gezeichneten Kindern mit zerfurchten Greisengesichtern taucht, nicht nur in Deutschland, die Frage auf, ob „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – der Begriff wurde für die Nürnberger Prozesse geprägt – nicht auch in diesem Fall zur Aburteilung vor ein internationales Gericht gebracht werden können. Die Antwort ist kurz, und sie lautet nein.

Der Internationale Gerichtshof von Nürnberg hat in seinen Urteilen klar ausgesprochen, daß er nach seinem Status Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur bestrafen könne, wenn sie im Zusammenhang mit Verbrechen gegen den Frieden und mit Kriegsverbrechen begangen worden seien. Mit anderen Worten: Was jeder in seinem eigenen Hause tut, geht niemanden etwas an. Hätten die nationalsozialistischen Führer nur Deutsche in die Gaskammern geschickt, so hätte das Gericht der Alliierten ihnen keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit anlasten können.