Von HorstKrüger

In diesen Wochen ist es also an den Litfaßsäulen deutlich zu lesen: Theaterferien, Schauspielpause, Ende der Opernsaison. Die Musentempel schließen ihre Pforten, die gläsernen. Das Künstlervölkchen geht in die Ferien, die meistens gar keine Ferien sind, sondern angestrengte Synchron- und Fernseharbeit und sehr bald neue Proben bedeuten. Wir werden uns also in unseren Städten vier oder fünf Wochen lang ohne Madame Butterfly, ohne Don Carlos, ohne Faust, Frisch und den Freischütz behelfen müssen. Man müßte in die Provinz ausweichen: nach Bad Hersfeld oder Bayreuth zum Beispiel. Der Vorhang zu in Deutschland – ist das nicht beinah Wilder Westen?

Ich frage mich, wie diese Nachricht auf mich wirkt – Theaterferien. Nicht ganz ohne Erstaunen registriere ich geringe Bewegung, nur mäßiges Interesse, kaum Unlustgefühle. Die Nachricht läßt mich also ziemlich kalt. Wie denn? Bin ich ein Kleinbürger, eine Händlernatur, eine Krämerseele, die abends lieber ihr Geld zählt, Skat spielt, ein Bier trinken geht? Solche Leute gibt es natürlich.

Nein, ich erinnere mich nur, ich registriere, ziehe Erfahrungen zusammen, versuche vorsichtige Schlüsse. Ich bedenke, was hinter mir liegt in der abgelaufenen Theatersaison. Natürlich ging ich hin; man tut es immer wieder, wenn man unterwegs ist: in München, Berlin, in Hamburg oder Köln einmal. Ich gönnte mir öfters das, was man in der Sprache der Kulturämter „einen Theaterabend“ nennt. Rückblickend stelle ich fest, daß sie eigentlich wenig hinterließen, was über den nächsten Tag hinaus hielt. Dafür aber oft ein Unlustgefühl, eine frühe Ermattung, eine Art von Langweile, manchmal schon nach dem zweiten Akt. Einige Male ging ich schon in der großen Pause. Es fiel mir auf, daß mir die frische Luft draußen so gut tat. Ich wurde so schnell wieder wach auf der Straße; einmal ging ich danach noch ins Kino: „Ein Liebesfall“. Der Streifen bewegte mich lange. Also irgendein Widerstand? Eine neurotische Art von Müdigkeit, die etwas sagen will? Die Inszenierungen waren manchmal recht gut. Trotzdem diese leichten Absencen, diese allmähliche Gereiztheit: Wieviel Bilder kommen denn noch?

Man mißverstehe mich nicht: Es geht mir hier nicht um Theaterkritik im klassischen Sinn. Ich bin kein Professioneller. Ich beklage nicht schlechte Spielpläne, unkluge Kulturpolitik, Intendantenträgheit, Inszenierungsfehler. Ich sage nicht: das Gretchen hätte man keinesfalls mit Fräulein A. besetzen dürfen. Man kann das und muß das sagen: Geschäft der Theaterkritik, kein beneidenswertes Geschäft, eins, von dem ich kaum etwas verstehe. Ich sehe diese beschäftigten Männer mit funkelnden Brillengläsern und kleinen Köfferchen von Stadt zu Stadt eilen. Ich treffe sie manchmal in D-Zügen, in Speisewagen, zwischen Münster und Hildesheim pendelnd. Aus ihren erschöpften und vergrämten Gesichtern entnehme ich, wie leidvoll dieses Amt sein muß, den Musen auf allen Bühnen unserer Republik nachzuforschen. Auch Osnabrück, sagt einer, war gestern abend eine herbe Enttäuschung. Ich spreche auch nicht vom schwankenden Niveau unserer Stückeschreiber. Ich bin kein Dramaturg. Ich bin nur, wie die meisten von uns, ein Theaterbesucher, der es von Zeit zu Zeit immer wieder versucht mit dieser Institution „Theaterabend“. Mit gewissen Nuancen, die ich anerkennen will, war es doch immer wieder dasselbe, das mich nervös machte. Ob Dürrenmatt oder Frisch, Schiller oder Hochhuth: es blieb eben immer ein „Theaterabend“. Was ist das, frage ich mich besorgt, und warum ist das so, wie es ist?

Mich stört eigentlich alles an dieser ehrwürdigen Institution. Ich weiß, ich berenne ein frommes Geheimnis, ich schände einen Tempel, ich schlachte eine Heilige Kuh der Nation: den städtisch subventionierten Heiligen Abend unseres Bürgertums. Alle Mächtigen, die das Höhere und die Kunst verwalten, sind sich einig, wie notwendig, erhebend und läuternd so ein Abend für die Bürgerschaft ist. Es geht um die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes. Was irritiert mich an diesem edlen Ritus?