Steht die Welt am Vorabend eines neuen Nahostkrieges? Nach dem jüngsten Vergeltungsschlag der israelischen Luftwaffe gegen arabische Guerilla-Basen in Transjordanien sprach Ministerpräsident Eschkol warnend von Parallelen zu den Ereignissen, die im letzten Jahr zum Junikrieg geführt haben. Aber so bedrohlich, wie es sich in den Schlagzeilen über Bombenangriffe und Sicherheitsratsdebatten ausnimmt, ist die Situation nun doch nicht. Die Vorgeschichte des Sechstagekrieges dauerte schließlich zehn Jahre.

Aber Eschkols Analyse traf nicht ganz daneben: Jene zehn Jahre waren ein unaufhörlicher Teufelskreis von Waffenstillstandsverletzungen, von Partisanenüberfällen und Vergeltungsaktionen, von Rachedurst und Haß. Eins zog das Andere nach sich, jede Tat erzeugte neuen Haß, neues Leid. Seinerzeit freilich reagierte man in Israel noch höchst empfindlich, wenn sich Weltsicherheitsrat und Weltpresse über die Härte mancher israelischer Repressalien erbosten. Es zeugt für die Selbstsicherheit der siegreichen israelischen Militärs, daß sie, unbekümmert um die Meinung anderer und ohne Rücksicht auf die diffizilen Friedenssondierungen von hüben und drüben, nun schon zum drittenmal in diesem Jahr auf jordanischem Gebiet mit massiver Gewalt zuschlagen.

Offensichtlich ist die Armee überzeugt, daß die Araber keinen wirklichen Frieden wünschen, vielmehr eine vierte Runde vorbereiten. Einen neuen Krieg könnten die Israelis freilich – im Besitz einer breiten Pufferzone vor den Ost- und Westgrenzen – gelassener entgegensehen als im Mai letzten Jahres.

Gewiß wird es ihnen niemand verdenken, daß sie sich gegen die dauernden Nadelstiche der Al-Fatah-Partisanen zur Wehr setzen. Es ist das erklärte Ziel der arabischen Freiheitskämpfer, nach dem Vorbild des Vietcong in den von Israel besetzten Territorien durch Terror Unsicherheit zu erzeugen, so lange, bis die Bevölkerung sich schließlich zu einem allgemeinen Aufstand gegen die Besatzungsmacht verleiten läßt. Bislang hat diese Methode – trotz mehr als hundert Sabotageakten im Monat – nicht viel gefruchtet. Die Partisanen geben selber – und nicht ohne Stolz – zu, daß ihre Verlustrate neunzig Prozent erreicht. Aber aller fanatischer Opfermut dieser Selbstmordkommandos hat es nicht vermocht, die 650 000 Araber in Cisjordanien aus ihrer Apathie herauszureißen – dank der umsichtigen Verwaltungspolitik Mosche Dajans, der bei aller Härte als Militär doch über ein erstaunliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Arabern verfügt.

An dem Schwebezustand zwischen Krieg und Waffenstillstand wird sich in absehbarer Zukunft nichts ändern. Folglich werden in der israelischen Außen- und Friedenspolitik mehr und mehr die Sicherheitsinteressen dominieren, wird das Lager jener anwachsen, die die Beute des letzten Krieges nicht wieder herauszugeben bereit sind. Daß eine gemeinsame Intervention der Großmächte ihnen ihre neuen Besitztümer – ähnlich wie 1957 nach dem Sinaikrieg – streitig machte, ist vorderhand nicht zu erwarten; dazu sind die Interessen der Amerikaner und Sowjets doch zu unterschiedlich. Jene britische Zeitung scheint also recht zu behalten, die schon vor einem Jahr prophezeite, die israelischen Soldaten würden auch 1970, vielleicht sogar 1980 noch dort stehen, wo sie heute Wache halten: am Suez und am Jordan.

Karl-Heinz Janßen