Bonn

Sie küßten und sie schlugen sich auf die Schultern: Mit Bruderküssen auf beide Wangen verabschiedeten sich auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Ludwig Rosenberg, und der Vorsitzende des Zentralrats der sowjetischen Gewerkschaften, Alexander Scheljepin.

Fünf Tage lang war Rosenberg im Juni Gast des höchsten Sowjetgewerkschafters in Moskau und Leningrad. Dann trennten sich die beiden Arbeiterführer als Duzfreunde, und Rosenberg lud seinen Sowjetkollegen in die Bundesrepublik ein. Der Russe sagte sofort zu, der Deutsche gab das frohe Ereignis nach seiner Heimkehr stolz bekannt.

Seitdem bangen führende Gewerkschafter in Düsseldorf sowie Abgeordnete und Minister in Bonn dem Tag entgegen, an dem Scheljepin Visite am Rhein machen wird.

Grund des deutschen Unbehagens und der Sorge um die Sicherheit des Besuchers aus Moskau: Alexander Nikolajewitsch Scheljepin war bis im vorigen Jahr oberster Chef des sowjetischen Geheimdienstes KGB (Komitee für Staatssicherheit). In seinem persönlichen Auftrag soll 1959 in München der Exilukrainer Bandera ermordet worden sein. Scheljepin ehrte den Mörder für die erfolgreiche Liquidierung in Sonderaudienz mit dem „Orden des Roten Banners“.

Am 15. Oktober 1959 würde der Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUK), Stefan Bandera, unter der Tür seiner Wohnung in der Münchner Kreittmayrstraße 7 mit einer Giftpistole erschossen. Der Täter entkam unerkannt.

Zwei Jahre später, einen Tag vor dem Bau der Mauer, setzte sich der 30jährige sowjetische Berufsagent Bogdan Staschynskij, der in Ostberlin und in Polen gelebt hatte, per S-Bahn nach Westberlin ab. Staschynskij gestand der Polizei Herkunft und Taten. Im Oktober 1962 wurde er vom Dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofes wegen Beihilfe zum Mord in zwei Fällen und verräterischer Beziehungen zu nur acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Geständnis, Reue, eine Art „Befehlsnotstand“ und vor allem umfassende Enthüllungen über die Untergrundarbeit des Moskauer Geheimdienstes ließen den Attentäter so glimpflich davonkommen.