Von Hansjakob Stehle

Das Gespenst einer tschechoslowakischen „Konterrevolution“, vor drei Wochen von verschreckten Ideologen und tatendurstigen Strategen mit Eifer aufgebaut, liegt – zunächst wenigstens – wieder in der Mottenkiste. Die Parole „weder Canossa noch Konstanz“, die man in Prag für die letzte Woche ausgegeben hatte, blieb kein leerer Slogan; der Weg der Prager Reformkommunisten zu den sowjetischen Freunden nach Cierna wurde nicht zum Bußgang, die Konferenz mit den erzürnten Bruderparteien in Bratislava nicht zu einem Ketzergericht, wie es einst Johann Hus widerfuhr.

Am Ende ist den Sowjetführern und ihren engsten Verbündeten nichts anderes übriggeblieben, als ihre verdrießlichen Mienen in freundliche Falten zu legen; ihr Warschauer Brief, der dramatischer Auftakt des bösen Spuks gewesen war, wurde, wie es der Prager Außenminister Hajek formulierte, „von der Geschichte aufgesogen“. Was aber hat diesen Brief so schnell annulliert? Auf diese Frage eines Journalisten meinte Hajek lakonisch: „Sein Inhalt.“ Die Alternative nämlich, vor die sich seine Unterzeichner selbst manövriert hatten, ließ nur noch Intervention oder Rückzug zu.

Als daher am Morgen des 3. August die letzten Sowjettruppen endlich die ČSSR verließen, und als sich gleichzeitig die sechs Parteichefs am Preßburger Donau-Ufer an den Konferenztisch setzten, waren die Würfel schon gefallen. „Wir müssen unseren Weg, den wir im Januar eingeschlagen haben, fortsetzen... Wir erklären offen, daß es keinen anderen Weg für die Nationen dieser Republik gibt.“ So faßte Parteichef Dubček am nächsten Tag das Ergebnis zusammen und deutete damit an, daß die Sowjetführung von ihren Prager Gesprächspartnern in Cierna freundlich aber hart vor eben diese Alternative gestellt worden war: den Prager Kurs hinzunehmen, dem sozialistischen Treuebekenntnis seiner Verfechter zu glauben – oder aber zuzuschlagen mit allen fatalen Folgen, die für das Ansehen des Kommunismus in der Welt und in den eigenen Reihen daraus erwachsen mußten.

Mit einer solchen fast protestantischen Entschlossenheit konfrontiert, folgte die Moskauer Führung dem Gebot der Vernunft – zumal die Prager Genossen zusagten, alles zu tun, um der östlichen Großmacht das Gesicht wahren zu helfen. Ausgerechnet Suslow soll es gewesen sein, der die Scheuklappen des Chefideologen zuerst ablegte, vielleicht aus weitsichtiger Berechnung, vielleicht auch nur in Erinnerung an jene Bilder, die er als einziges derzeitiges Moskauer Präsidiumsmitglied zwölf Jahre vorher durch den Sehschlitz eines sowjetischen Panzers in Budapest aufgenommen hatte ...

Das Preßburger Treffen hatte nach dem Modus vivendi von Cierna nur noch die Aufgabe, ein gemeinsames Pflaster auf das verwundete Prestige zu legen. Schließlich hatten sich mit den sowjetischen auch die bulgarischen, ungarischen, deutschen und polnischen Kommunisten im Warschauer Brief ereifert. Wenn dieser nun so rasch wieder aus dem Verkehr gezogen wurde, durfte das keine zweiseitige sowjetisch-tschechoslowakische Sache bleiben.

Der Einfall, den ganzen Streit einfach aufs außenpolitische Geleise abzuschieben und die Einigung in die Form eines jener phrasenhaften Allerweltsdokumente zu gießen, wie sie die kommunistische Bewegung liebt – diese Idee war diplomatisch ausgeklügelt, würdig eines Talleyrand, der 163 Jahre vorher im gleichen Preßburger Spiegelsaal Napoleons freilich nicht lange währenden Frieden mit dem Habsburger Kaiser ausgehandelt hatte.