Von Ludwig Thamm

Die neuen Herren suchen neue Wege. „Die Bemühungen der tschechoslowakischen Regierung um Erdöllieferungen aus dem Iran“, ließ Emil Misovsky, stellvertretender Außenhandelsminister in der neuen Prager Regierung wissen, „sind auf fruchtbaren Boden gefallen.“ Sein Land werde von 1970 bis 1980 etwa 15 bis 20 Millionen Tonnen Erdöl aus Persien beziehen und dafür Werkzeugmaschinen und Kraftwerksanlagen im Wert von etwa 800 Millionen Mark liefern.

Die Tschechoslowakei sucht damit zum erstenmal nach einem Energielieferanten außerhalb der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon. Ist das ein Symptom für die Vorgänge in Prag, für den Versuch einer Ausweitung des Außenhandels mit nichtkommunistischen Ländern? Ist es gar ein Anzeichen für eine Lösung des Landes aus dem östlichen Wirtschaftsblock? Beflügelt von politischen Wunschträumen mag mancher diese Fragen positiv beantworten, aber die wirtschaftlichen Realitäten – von den politischen soll gar nicht die Rede sein – zwingen dazu, die Dinge etwas nüchterner zu betrachten.

„Es hat seinen Grund, weshalb der Warenumsatz mit der UdSSR gut ein Drittel des gesamten tschechoslowakischen Außenhandels ausmacht“, erläuterte die Moskauer Komsomolskaja Prawda ihren jungen Lesern. Und sie fuhr fort: „Der gegenseitige Vorteil bildet die Grundlage der Handelsbeziehungen zwischen den sozialistischen Ländern.“

Diese Handelsbeziehungen freilich kamen auf recht einseitige Weise zustande. Noch 1946 hatte die Tschechoslowakei ihren Außenhandel zu 78 Prozent mit westlichen Ländern abgewickelt. Ein Jahr später stieg dieser Anteil sogar auf 86 Prozent. Aber Marshallplan, Embargo, Februarputsch in Prag, der Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion sowie die Gründung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe setzten vollkommen neue Daten. War die UdSSR am tschechoslowakischen Außenhandel 1937 zu einem Prozent beteiligt, stieg dieser Anteil 1948 auf sechzehn und bis 1953 auf 35 Prozent. In dieser Größenordnung hielt er sich bis auf den heutigen Tag. Eine ähnliche Kurve ergibt der gesamte Außenhandel mit den sozialistischen Ländern: 1948 waren es 40 Prozent, 1954 rund 78 und 1967 etwa 70 Prozent.

Die Sowjetunion – und die mit ihr verbündeten Staaten – haben den Schlüssel zur tschechoslowakischen Schwerindustrie, zur Energiewirtschaft und zur Petrochemie in der Hand.

Schwerindustrie, das heißt hier zunächst einmal Versorgung mit Erzen. Die Erzförderung der Tschechoslowakei hat sich in den letzten Jahren nicht mehr steigern lassen. Sie stagniert bei rund vier Millionen Tonnen im Jahr. Der Bedarf stieg hingegen konstant an. Hauptlieferant für Erze ist deshalb die Sowjetunion. Sie verpflichtete sich, ihre Eisenerzexporte von 1960 bis 1965 auf zehn Millionen Tonnen im Jahr zu steigern. Erreicht wurde diese Höhe freilich bis jetzt nicht. Jetzt liegen die jährlichen Lieferungen der UdSSR bei etwa acht Millionen Tonnen. Die Sowjetunion deckt damit etwa vier Fünftel des tschechoslowakischen Eisenerzbedarfs.