Befreit von der Furcht vor dramatischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei setzte sich auf dem deutschen Aktienmarkt erneut eine freundlichere Tendenz durch. Sie wurde unterstützt durch steigende Rentenkurse, die wiederum das Ergebnis der internationalen Zinsentwicklung sind. Als Besonderheit kommt bei uns allerdings hinzu, daß die öffentliche Hand dank höherer Steuereinnahmen vorerst auf Anleihen verzichten kann, und daß zahlreiche Anleger ihre am Aktienmarkt erzielten, meist beträchtlichen Kursgewinne sicherstellen und in die festverzinslichen Papiere hinüberwechseln. Die Bundesbank, die aus ihrer kurspflegerischen Zeit noch im Besitz von mehr als 1 Milliarde Mark öffentlicher Anleihen ist, trennt sich nur zögernd von ihren Beständen. Damit trägt sie zu den Kurssteigerungen am Rentenmarkt entscheidend bei. Zum erstenmal gibt es die Chance für neue Sechsprozenter. Sie würden die Baufinanzierung verbilligen und damit die Baukonjunktur untermauern, wo Engpässe vorerst nicht zu befürchten sind.

Aber längst nicht alle durch Gewinnrealisationen freigewordenen Mittel fließen in die Renten. Ein Teil ist bereits in die Aktien zurückgekehrt. So billig indessen, wie sich manche Leute dachten, ist das Wiedereinsteigen nicht gelungen. Dazu war das vorhandene Material zu knapp. Es fehlten jene Millionen, die zu weichen Kursen von den verschiedenen Fonds „eingesackt“ worden sind und die auch so bald nicht wiederkehren dürften. Von der Kurserholung profitieren vor allem die international bekannten Standardwerte. Qualität setzte sich am schnellsten durch.

Auch die Kurse der Eisen- und Stahlaktien setzten sich nach oben in Bewegung. Allerdings sehr differenziert. Favoriten waren Hoesch und Mannesmann, zwei Unternehmen, die mit ansehnlichen Gewinnsteigerungen aufwarten dürften. Enttäuscht hat Thyssen, normalerweise Spitzenreiter bei Eisen und Stahl. Einige Großanleger fürchten sich vor der Kapitalerhöhung. In Börsenkreisen ist man der festen Überzeugung daß der Ausgabekurs für die geplanten jungen Aktien hart an die Grenze des Marktmöglichen gelegt wird, also kein Geschenk für die Aktionäre darstellen wird. Ob das der Grund ist, varum ein großer Luxemburger Fonds seinen Bestand an Thyssen-Aktien drastisch vermindert und Millionenposten unter Börsenkurs angeboten hat?

Spekulatives Interesse besteht für die Lufthansa-Optionsanleihe. Ab 1. September 1968 wird die sechsprozentige Anleihe getrennt vom Optionssschein gehandelt werden. Da sich der Wert einer sechsprozentigen Anleihe zur Zeit bei etwa 95 Prozent bewegt, dürfte der rechnerische Wert des Optionsscheins bei 5 bis 6 Prozent liegen. Er beinhaltet das Recht, im Verhältnis 6 : 1 Lufthansa-Aktien zum Kurs von 225 Prozent zu erwerben, ein Recht, das zur Zeit, da der Lufthansa-Aktienkurs bei 165 Prozent liegt, jedoch praktisch wertlos ist. K. W.