Paris, im August

Die erste Reform, die den Mai-Unruhen folgte, galt dem französischen Rundfunk und Fernsehen. Sie änderte wenig an seiner Struktur, etwas mehr an seinen politischen Sendungen, am meisten an der Zusammensetzung seiner Redaktionen. Auffallend an dieser Reform, die vielleicht als Modellfall gelten könnte, ist die wohldosierte Mischung aus Liberalisierung (Participation) auf der einen Seite und festem Durchgreifen auf der anderen. Van 281 Journalisten der Pariser Zentralredaktion wurden 102 gekündigt, in die Provinz oder vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Einer der Betroffenen beklagte sich, daß die Reformen „auf Kosten derer durchgeführt werden, die sie in Gang brachten“. Man kann diese Formel unterschreiben.

Tatsächlich wurde der Einfluß der Regierung an einigen Stellen begrenzt oder wenigstens übersichtlicher gemacht. Ein „interministerieller Verbindungsausschuß“, der täglich mit Redakteuren „die Aktualität besprach“, das heißt Sprachregelungen ausgab, wurde aufgelöst. In den Fernsehnachrichten sollen in Zukunft die Kommentare deutlich von den Nachrichten getrennt werden. Während der Parlamentssitzung soll wöchentlich einmal ein „runder Tisch“ die Meinungen von Regierung und Opposition konfrontieren. Die Regierung will sich des Bildschirms weiter nach Gutdünken bedienen, aber wenn sie es tut, auch „ihre Farbe bekennen“.

Das erscheint gegenüber den bisherigen Gepflogenheiten durchaus fortschrittlich. Man wird abwarten müssen, wie es in der Praxis aussieht – innerhalb der fast unveränderten Strukturen und mit einem Personalbestand, der, wie die offizielle Motivierung heißt, „erleichtert wurde“. Leider warde der Ballast so abgeworfen, daß man die Gesichtspunkte journalistischer Qualität vergebens sucht, aber an den Gesetzen politischer Säuberung nicht vorbeisehen kann. Alle Betroffenen haben im Mai gestreikt.

Die Streikenden hatten nicht viel mehr verlangt als ein Gremium unabhängiger Persönlichkeiten, das als „Gewissen des Hauses“ jedem zugänglich sein und Klagen wegen Verstoßes gegen die Objektivität prüfen sollte. Diese Aufgabe bleibt nun weiterhin dem Verwaltungsrat vorbehalten, dessen Mitglieder zur Hälfte von der Regierung ernannt werden. Sie bestimmt auch künftig den Generaldirektor und die Abteilungsleiter. Sie wird damit, wie bisher, den „Geist des Hauses“ prägen, der vielleicht am deutlichsten aus der folgenden wahren Begebenheit spricht: Bei einer Redakteursversammlung während der Streiktage stellte Jacqueline Baudrier, die jetzt vom Chefredakteur zur Leiterin aller aktuellen Sendungen des Hauses befördert wurde, einem Kommentator die Frage, ob sie ihm jemals irgendeine politische Anweisung gegeben habe. „Nein, Madame“, so hieß die Antwort, „ganz sicher nicht. Aber ich habe jeden Tag meine Selbstkritik gemacht.“

Man muß gerechterweise hinzufügen, daß der Regierungseinfluß in der Tradition des Hauses liegt. Gegenüber den Verhältnissen der IV. Republik brachte das neue Statut von 1964 wenigstens eine gewisse finanzielle Autonomie, die übrigens jetzt verstärkt wird. Als François Mitterrand während des Streiks nach den Reformplänen der Linksopposition für Rundfunk und Fernsehen gefragt wurde, hielt auch er an einer Regierungskontrolle fest.

Angesichts so tief verwurzelter Praktiken fällt es den entlassenen Journalisten nicht leicht, die öffentliche Meinung für sich zu mobilisieren. Gewerkschaftsproteste beschränkten sich bisher auf verbale Solidarität. Ohnehin hält sich zur Zeit halb Frankreich im Urlaub auf und sitzt nicht vor dem Bildschirm. Schließlich hat ein Teil der betroffenen Journalisten jahrelang die Beschränkungen ihrer Meinungsfreiheit ohne Protest hingenommen und sich erst im letzten Augenblick, als sie sich schon einem Regimewechsel nahe wähnten, an der allgemeinen Protestbewegung beteiligt.