Samuel K. Wellman, Cleveland/Ohio, Fabrikant irgendwelcher Teile von Motorenkupplungen, ist ganz gewiß kein Hoppla-jetzt-kommich-Seemann; doch ein bißchen wirkt er, als wäre er einer Hemingway-Story entsprungen: ein alter Skipper, der zum Meere „du“ sagt. Die Segler nennen ihn „Scrubby“, den Struppigen, den Ruppigen. Skipper Scrubby Wellman und sechs Mann haben mit seiner Jacht „Indigo“ das Transatlantik-Rennen gewonnen, die längste Regatta des Jahres.

Sein erstes Boot hatte er nicht gekauft, sondern selbst gebaut. Das ist jetzt sechzig Jahre her. Mitten auf dem Atlantik, als die „Indigo“ ziemlich genau die Hälfte der Rennstrecke zurückgelegt hatte, feierte Scrubby Wellman am 15. Juli seinen 76. Geburtstag. Das Boot, das er seit 1965 führt, stammt vom Reißbrett eines der besten amerikanischen Konstrukteure: Ted Hood, der Segelmacher war, bevor er begann, Jachten zu entwerfen, macht keine Experimente auf Kosten gesicherter seemännischer Erkenntnis. Nichts an der „Indigo“ ist sensationell; alles entspricht den normalen Anforderungen, die ein Hochseesegler stellt. Der Kenner sieht der Jacht mit den rassigen Rumpflinien freilich auf den ersten Blick Tempo und Tüchtigkeit an. Übrigens hat Ted Hood auch die im diesjährigen Bermuda-Rennen siegreiche Jacht, die amerikanische „Robin“, gezeichnet.

Scrubby Wellman segelt auf den Großen Seen und im Karibischen Meer (auf den Bahamas hat er ein Winterhaus); er segelt zu jeder Jahreszeit.

Am Bermuda-Rennen, der größten und schwierigsten Hochsee-Wettfahrt der Amerikaner, hat er achtmal teilgenommen. Überredet von seinem Neffen und Navigator, dem 36jährigen Hovey T. Freeman, startete er nun zum ersten Male zu einem Transatlantik-Rennen. Fünfzig Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Sieben-Mann-Crew auf der „Indigo“. Ihr Sieg ist ein Triumph der Erfahrung.

Von den 36 gemeldeten Jachten gingen 33 ins Rennen. Bedauert wurde vor allem, daß Thomas J. Watson jr. seine „Palawan“ im Hafen lassen mußte. Der 54 Jahre alte passionierte Hochseesegler, Präsident der IBM-Werke (und seit kurzem als Kandidat der Demokratischen Partei für die amerikanischen Wahlen im Gespräch), hatte sich als Vorsitzer des amerikanischen „Transatlantic Race Committee 1968“ um die Ausrichtung dieser Regatta der Deutschen sehr verdient gemacht. Ob und wie weit ein Transatlantik-Rennen zu einem Erfolg wird, hängt seit jeher von der Anteilnahme der Amerikaner ab. Ohne sie wäre diese Wettfahrt zweitrangig gewesen.

Am 3. Juli feuerte das deutsche Marineversorgungsschiff „Westerwald“ vor St. David’s Head an der Ostecke der Bermudainseln die Startschüsse: den ersten für die Gruppe A (fünf Jachten) um 16 Uhr Ortszeit, 20 Uhr Greenwich Middle Time, die nächsten für die Gruppen B (zehn Jachten) und C und D (je neun Jachten) in Viertelstundenabständen. Im Geiz um Sekunden ging die holländische „Stormvogel“ zu früh über die Linie. Sie wurde zurückgerufen, versäumte zwanzig Minuten; und weil sie auch dann die Startlinie angeblich nicht regelgerecht passierte, mußte sie noch einmal zurück und abermals zwanzig Minuten einbüßen.

Mit dieser zweiten Entscheidung war „Stormvogel“-Skipper Bruynzeel nicht einverstanden. Über Funk meldete er Protest an. Er hat den Protest dann zurückgezogen; denn selbst wenn das Schiedsgericht ihm die zwanzig Minuten wieder zugeschlagen hätte: bei Skagen-Feuerschiff, dem Zwischenziel, hätten der „Stormvogel“ immer noch 36 Sekunden gefehlt, um die „Ondine“ zu schlagen und eine Trophäe für den ersten Platz nach gesegelter Zeit zu erhalten.