Von Kai Hermann

Sofia, im August

Am Ende kamen Tränen. Es waren nicht die Schrammen und blauen Flecken, die sozialistische Studenten aus der Bundesrepublik in der Universität von Sofia weinen machten. Es war die Beleidigung. In einem Forum der IX. Weltjugendfestspiele hatte ein bulgarischer Delegierter den SDS-Vorsitzenden K. D. Wolff mit Goebbels verglichen, die radikalen Studenten der Bundesrepublik mit Faschisten.

Frenetischer Beifall, vor allem aus den Reihen der FDJ, war die Reaktion vieler Genossen. Wolff stürzte empört zum Mikrophon. Doch die allgegenwärtige Geheimpolizei war wieder einmal zur Stelle. An Haaren, Armen und Beinen zerrten sie ihn unter Schlägen aus dem Hörsaal. Ebenso erging es einigen westdeutschen Kommilitonen, die ihm zu Hilfe eilten. Da standen sie fassungslos vor der verschlossenen Tür, verstanden die sozialistische Welt nicht mehr und lagen sich weinend in den Armen.

Im Saal freilich kam es zur Revolte der Minderheit. Eine Sprecherin der Jugoslawen forderte sofort eine Entschuldigung von dem Bulgaren. Als der nach Ausflüchten suchte, verließ die jugoslawische Delegation geschlossen den Saal. Mit ihr gingen die Tschechoslowaken, Rumänen und die studentischen Vertreter der meisten westlichen Länder. Die Tschechoslowaken verteilten noch am gleichen Abend Flugblätter, in denen sie das Verhalten der Gastgeber verurteilten.

Der Bruch, auf den man eine Woche lang gewartet hatte, war demonstrativ vollzogen worden. Zwei Gruppierungen standen sich in der "Festival-Einheitsfront" gegenüber: die an das Dogma der Unfehlbarkeit Moskaus unerschütterlich Glaubenden – und die heterogene Partei der Häretiker, die mit deutlichen Worten Kritik an der Manipulation in Sofia, dem Stalinismus in der DDR und dem Opportunismus in der sowjetischen Außenpolitik geübt hatte.

Schon bei der Eröffnungszeremonie war es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen gekommen. Mit einem Massenaufmarsch von Geheimpolizei und Miliz in Zivil, mit Unterdrückung der Diskussion in Foren und allerlei Schikanen, vor allem gegen die Tschechoslowaken, suchten die bulgarischen und sowjetischen Organisatoren das Festival unter Kontrolle zu halten. Sie rechneten nicht mit der Schwejkschen Schläue der Tschechoslowaken, dem Selbstbewußtsein der Jugoslawen und der Kampferprobtheit – gegen jede Form von Repression – der kleinen SDS-Gruppe.