Wer ihm wohl wolle, sagt Hans Hotter, werde ihm bestätigen, daß er von Wieland Wagners Inszenierung soviel wie möglich erhalten habe; wer etwas gegen ihn habe, werde feststellen, daß jetzt dieses oder jenes Detail verändert sei.

Sollen wir nun Hans Hotter, einem der berühmtesten Wotan-Darsteller, der selbst mehrfach Wagner inszenierte und in diesem Jahr in Bayreuth für „szenische Betreuung und Spielteiturg“ des „Ring“, also für die möglichst exakte Wiederholung der Inszenierung von 1965 verantwortlich ist, wohlwollen oder nicht?

Hotter fand vor, und alle anderen „szenischen Betreuer“ würden es ebenso vorfinden: eine fertige Szenerie, ein Bühnenbild – das ist noch nicht viel, denn aus einem Rohbau lassen sich noch mancherlei Wohnungstypen entwickeln; eine Beleuchtungseinrichtung, die genau notierten und in ein Kartensystem übertragenen Lichtwerte, Stellungen und Farbnuancen der Scheinwerfer – damit ist die Spielfläche und deren Dekoration bestimmt; ein Regiebuch, das ausführlich alle Bewegungsabläufe bis hinein in Gestik und Ausdruck festhält – aber hier kommt man gelegentlich schon in unsicheres Gelände: Wieland Wagner hat selber stets an seinen Inszenierungen geändert, selbst innerhalb eines Jahres von Vorstellung zu Vorstellung, die Niederschrift aber enthält im Prinzip die erste Konzeption von 1965, die zwischen den einzelnen Aufführungen abgewandelten und 1966 vom Krankenbett aus wiederum leicht variierten Details sind ebenfalls notiert, zum Teil aber nicht mehr autorisiert; Hotter fard schließlich vor: in vielen Fällen die Originalbesetzung der Premiere.

Da zeigt sich nun, und Gespräche mit Mitwirkenden haben es bestätigt, daß mit diesen Voraussetzungen „szenische Betreuung“ eigentlich auf ein Rekapitulieren hinausläuft und daß Wieland Wagners Inszenierung dabei kaum in Gefahr gerät.

Die deutlichsten Beispiele sind da der erste und der zweite „Walküren“-Akt. Leonie Rysanek (Siglinde) und James King (Siegmund) beherrschen nicht nur Choreographie und Gebärde, wie sie unter Wieland Wagner vor drei Jahren einstudiert wurden; ihre Szenen, von der ersten Begegnung bis zur „So blühe denn, Wälsungen-Blut“-Umarmung oder später die „Todesverkündigung“, besitzen genau noch die alte Spannung und Expressivität, die fern aller Opernklischees liegende Dramatik und Dichte, die vor drei Jahren Höhepunkte für den ganzen „Ring“ bedeuteten und das heute gleichfalls tun.

Ähnlich genau überliefert ist die Szene Hagen-Alberich („Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“) von Josef Greindl und Gustav Neidlinger, eine unheimliche, aus einer Traumvision in reale; Geschehen transponierte Dämonen-Verschwörung. Oder Siegfrieds (Wolfgang Windgassen) unschuldig-naive Unbekümmertheit, mit der er („Götterdämmerung“, III) am Rheinufer mit den Rheintöchtern und später mit den Meuchelmördern parliert, ein reiner Tor, der das Fürchten, aber auch die Intrige und die Verfallenheit dieser Welt noch nicht erfahren hat. Oder die ideologische Abspaltung des Opportunisten Loge, der mit hämischem Zynismus sich an der Ausweglosigkeit der Götter weidet („Rheingold“) und von Wieland Wagner um dieser Aufspaltung willen mit dem Siegfried-Darsteller besetzt wurde.

„Szenische Betreuung“ gänzlich neuer Kräfte allerdings bedeutet im Grunde ursprüngliche Regie-Arbeit. Und da wird 1968 der Unterschied deutlich zwischen dem, was Wieland Wagner seinerzeit in fünf Wochen intensiver Probenkonzentration erreichen konnte und was Hans Hotter – – und vermutlich jeder andere „Betreuer“ auch – in doch viel kürzerer Zeit gerade noch zu leisten vermag.