Von Wolfgang Boller

Das dunkelhäutige Mädchen schreit in der Kirche. Sie fuchtelt mit den Armen, wirft den Kopf zurück. Ihr Blick geht durch die weißgetünchten Wände wie durch Glas. „Gott ist überallhallelulja, er ist immer bei miramen, und Jesus Christus ist bei mir und verläßt mich niehallelulja, ich weiß, daß Jesus Christus mich liebtamen ...“ Das Mädchen im langen weißen Gewand pendelt zwischen Altar und Harmonium wie eine Puppe an Fäden in der Hand Gottes, ein Engel aus Ebenholz, der, erwachend aus irdischen Ekstasen, über die Feuerleiter wieder zurückklettern wird in den Himmel über Harlem.

Sonntags wird in Harlem gesungen und gebetet, skandieren Schlagzeuge die Monologe der Verzückung, schreien die Beladenen ihrem Gott mit geballten Fäusten und zerklüfteten Stirnen ihr Elend ins Gesicht, ihre Demut, ihre Hoffnungslosigkeit. Im Getöse der Gläubigkeit fächelt sich die Gemeinde mit frommen Marienbildfächern Kühlung zu.

Die Gotteshäuser der Christen von Harlem sind Etagenwohnungen über eisenbeschlagenen Treppenstufen. An den Wänden Bibelsprüche in blutroten Lettern wie Parolen des Hasses: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Die Kirche zum Heiligen Geist gleicht dem Wahlkampfbüro eines schwarzen Christus, der zu arm ist, die Wahl zu gewinnen, und mit schepperndem Schlagzeug und Lobgesängen und Tänzen in Gewändern wie Totenhemden vergebens weiterkämpft, vergebens: „Gott ist überallhallelulja...“

Sonntags im Sommer, wenn die Fremden kommen, wenn in Manhattan die grünen Fahnen des New Yorker Festivals wehen („New York is a Summer Festival“), blühen nur Blumenhüte in den Asphaltgärten von Harlem. Es riecht nach Teer und Ketchup, nach Leder und verschimmeltem Brot. Von Hydranten springen silberne Fontänen über die Straße. Der Polizist an der Ecke wirbelt den Gummiknüppel wie einen Spazierstock: Heißer Sommer, gosh. Oh, diese verlorenen Sonntage in Harlem ...

Sonntags im Sommer reisen die Fremden, die als Pauschaltouristen von Touropa und Scharnow („Partner in der Ferntouristik“) nach Amerika kommen, mit dem Omnibus nach Philadelphia und tags darauf nach Washington. Das Ausflugsvergnügen offenbart sich unter dem Aspekt der Charter-Landeerlaubnis freilich als sanfter Zwang zum Glück. Die Fremden sollen ruhig ein bißchen im Land umherreisen, wenn sie schon auf den Flügeln von Abenteuerlust, Neuer-Welt-Romantik und einer DC 8 über den großen Ozean gekommen sind. Die einstige (bis 1800) und die jetzige Hauptstadt (seit 1800) der Vereinigten Staaten sind den wohlverstandenen Geschäftsinteressen der Vertragspartner weit genug von New York entfernt: jeweils ungefähr 150 und 370 Kilometer. Die gewaltsame Bereicherung des Programms täuscht nicht darüber hinweg, daß der Amerikareisende bei der Busfahrt durch eintönige Landschaft zwei Tage verliert.

In der Walnußstraße in Philadelphia fungiert das Bürohochhaus der Lebensversicherung The Penn Mutual als Aussichtsturm für amerikanische Geschichte. Von der Plattform im zwanzigsten Stock betrachtet der Fremde mit mühsam verhohlener Gleichgültigkeit die Häuser und Bäume von „Amerikas historischster Quadratmeile“. In allen Ecken raunen Lautsprecherstimmen von Endlosschleifen, wie historisch die Meile sei. Bitte sehr: Independence Hall. „In der Unabhängigkeitshalle, seinerzeit Landtagsgebäude von Pennsylvanien, hat der Kontinentalkongreß am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung in ihrer endgültigen Form angenommen.“ Weiter: Independence Square. „Auf dem Unabhängigkeitsplatz wurde die Unabhängigkeitserklärung den Bürgern von Philadelphia zuerst öffentlich verkündet.“