Professor Franz Böckle, Ordinarius für Moraltheologie in Bonn und Mitglied der von Papst Johannes XXIII. eingesetzten Studienkommission (in der „Neuen Zürcher Zeitung“):

Die Enzyklika „Humanae vitae“ ist im fachtechnischen Sinn ein authentisches Lehrdokument. Authentisch bedeutet soviel wie „amtlich“ und steht im Gegensatz zu einer „privaten“ Meinung einzelner Theologen oder theologischer Schulen. Amtliche Lehräußerungen übersteigen auch nach guter katholischer Überzeugung nicht den Rahmen des Menschlichen. Das Amt der Lehrverkündigung ist innerhalb der Kirche Menschen anvertraut, die es an Menschen in menschlicher Weise verwalten. Sie sind – wie alle menschlichen Autoritätsträger – an sich dem Gesetz menschlichen Wagens und Irrens unterworfen ...

Gewiß gibt es im katholisch-kirchlichen Glaubensbewußtsein eine Einschränkung dieser menschlichen Fehlbarkeit. Wenn das Lehramt unter klar festgelegten Bedingungen (can. 1323) erklärt, eine bestimmte Überzeugung gehöre in ihrem Gehalt zur unveräußerlichen Substanz der christlichen Glaubenstradition, so weiß es sich bei einer solchen Entscheidung durch den Beistand des göttlichen Geistes gesichert. Schon aus inneren Gründen, die darzulegen hier zu weit führen würde, kann der Entscheidung der neuesten Enzyklika dieser Verbindlichkeitsgrad gar nicht zukommen...

Die Enzyklika gibt also den Katholiken eine Weisung, die in einer dem berechtigten Zweifel keineswegs entzogenen Doktrin wurzelt. Trotzdem ergeht die Weisung in amtlicher Autorität und beansprucht den für solche Fälle geforderten kirchlich-religiösen Gehorsam („obsequim religiosum“ Const. de Eccl.).

Nun ist aber gerade der recht verstandene kirchliche Gehorsam erwachsener Menschen kein „Kadavergehorsam“. Um des wahren Gehorsams willen müssen wir zur Kritik am rechten Ort bereit sein. Wir müssen doch zugestehen, daß das Nicht-Unfehlbare auch einmal falsch oder zumindest nicht umfassend genug gesehen und der Korrektur dringend bedürftig sein kann. Wie sollte aber je eine Korrektur möglich sein, wenn nicht durch die kritisch-intellektuelle Auseinandersetzung und den eventuell auch notwendigen Widerspruch? Hier liegt vornehmlich die Aufgabe der Theologie. Bei allen nicht unfehlbaren Äußerungen des Lehramts steht es grundsätzlich der Theologie zu, die Reformabilität oder Relativität dieser Aussagen durch den Hinweis auf die Schrift und die Tradition darzulegen. Dazu ist die Theologie angesichts der Enzyklika erneut aufgerufen.