Der amerikanische Bombenkrieg geht ins vierte Jahr, die Pariser Gespräche schleppen sich seit zweieinhalb Monaten dahin – doch die Aussicht auf Frieden in Vietnam war lange nicht so düster gewesen wie am vorigen Wochenende.

In Washington erkläre Außenminister Rusk: Bevor die USA den Bombenkrieg auch südlich des 19. Breitengrades einstellten, müßten sie direkt oder indirekt aus „verantwortlicher und autorisierter Quelle“ erfahren, was Hanoi zu tun gedenke – „morgen, nächste Woche, nächsten Monat“. Mit dieser Formulierung schien Rusk über das hinauszugehen, was Präsident Johnson in seiner „Friedensrede“ am 31. März von Nord Vietnam als Gegenleistung für einen totalen Bombenstopp verlangt hatte: „tatsächliche Zurückhaltung“ auf dem Kriegsschauplatz.

Einen Tag nach der Rusk-Erklärung drohte Johnson sogar mit einer neuen Eskalation auf Gegenseitigkeit. Vor der Presse behauptete er: Nordvietnam nutze den partiellen Bombenstopp der USA aus und habe im Juli eine Rekordzahl von 30 000 Soldaten in den Süden eingeschleust. Der Präsident: „Wenn der Feind unsere Männer in Gefahr bringt, könnten wir zu zusätzlichen militärischen Maßnahmen gezwungen sein.“

Die neue harte Linie Washingtons, die sich schon auf dem Gipfeltreffen Johnson/Thieu in Honolulu abzeichnete, stützt sich auf Berichte des US-Geheimdienstes. Danach bereitet sich die Volksbefreiungsarmee auf eine dritte Angriffswelle vor, die Anfang September losbrechen soll.

In Washington waren freilich auch andere Berichte kursiert: Seit Ende Mai seien monatlich nur 20 000Mann nachSüdvietnam eingeschleust worden – 10000 Mann weniger als im Monatsdurchschnitt zuvor. Und: Mit diesen Kräften würden die bereits vorhandenen Verbände der Volksbefreiungsarmee lediglich wiederaufgefüllt, nicht aber verstärkt werden.

Zudem hat der Vietcong in den letzten Wochen den Raketenbeschuß Saigons aufgegeben. Etwa 50 Prozent der nordvietnamesischen Divisionen sind – wie Gcheimdienststellen schätzten – nach Kambodscha, Laos und Nordvietnam retiriert. Die monatliche Verlustzahl der Amerikaner fiel auf ein Viertel der bisherigen Rate zurück. Das alles, könnte auch den Schluß zulassen: Hanoi übe bereits die verlangte militärische Zurückhaltung.

Neue Vorstöße und Terroraktionen des Vietcong in den letzten vierzehn Tagen muteten freilich wie ein Vorspiel zur angeblich geplanten Großoffensive an. Die Folge waren die harten Erklärungen Johnsons und Rusks – und eine weitere Klimaverschlechterung bei den Gesprächen in Paris.