Im Nachbardorf, da ist es schön! Dieselbe Sache, die mich daheim ärgert, stört mich dort nicht, läßt mich kalt, amüsiert mich sogar. Deshalb spaziere ich ins Nachbardorf, fahre in die Landschaft nebenan, reise ins Ausland. Aber ist das ein Grund?

Statt eines Kaffees, wie ich ihn gewöhnt bin, servieren sie mir etwas, das ich, so leid mir’s tut, nur Lorke nennen kann. Aber das freut mich. Ich bin rausgefahren. Doch die Gefahr ist, daß ich, draußen angekommen, nach drinnen gerate. Nicht zu lange bleiben! Nicht vergessen, daß ich unter Leuten bin (Einheimischen), die ihrerseits auch rausfahren möchten. Sollen sie doch hinfahren, woher ich komme! Da werden sie schon sehen. Alles in allem: Ich sehe mir gern Sachen an, die mich nichts angehen, seien sie gar dieselben wie daheim.

Ich liebe Gegenden, in denen nichts los ist, Orte, wo Nichtigkeiten zu Sehenswürdigkeiten hochgeschraubt werden. Oh, dieser Zauber verstunkener Provinz-Museen!

„Sehen Sie hier die Kugel“ (ich sehe: Sie ist leicht zerquetscht), „die den General Rabaukowitsch in der Schlacht von Radauiowa getroffen hat und ihn getötet hätte, wäre sie nicht am goldenen Zigarettenetui in seiner Brusttasche abgeprallt!“ (Sogar im Musée de l’Armée in Paris haben sie eine solche Kugel.)

Habe ich so etwas gesehen, dann schmeckt das Mittagessen, nach Landesart zubereitet, noch mal so gut. Und dann träume ich. Vom goldenen, lebensrettenden, eingebeulten Etui, das die Erben des Generals dem Museum vorenthalten. Und von Museen, die es nicht oder noch nicht gibt. Von einer permanenten, leicht ergänzbaren Ausstellung beispielsweise, wo Autos zu sehen wären, Touristenautos vor allem, in denen heitere Menschen zu Tode kamen: zertrümmerte, aufgerissene Autos und daneben Tafeln mit Angaben, wer diese Menschen waren und wie es passierte. Und ich ginge anschließend über den Rathausplatz und lebte noch.

Ich liebe Orte, wo ich die Sprache der Leute nicht verstehen kann, sei es in Jugoslawien, sei es in einem Tiroler Gebirgsdorf. Dort kann man sicher sein, in Ruh’ gelassen zu werden. Doch zugleich hat man immer die Chance zu erraten, was gemeint ist, wenn die Leute reden, zumal aber, wenn sie schreiben. Ist das Ergebnis falsch, so ist es weiter auch nicht schlimm. Ist die Vermutung richtig, hat man den beglückenden Eindruck, in die Tiefe fremder Seelen geschaut zu haben – blitzartig.

So las ich einmal in einem Hotelklosett auf einer griechischen Insel eine Inschrift und schrieb sie ab: zu Forschungszwecken. Einem Ex-Schüler des humanistischen Gymnasiums war das Abschreiben griechischer Sätze nicht allzu schwer. Und es waren auch nur drei Zeilen, die da in der modernen Abwandlung der Sprache Homers neben dem Griff der funkelnagelneuen Wasserspülung standen. Sie hießen in deutscher Übertragung: „Es wird gebeten, nicht mit den Schuhen auf die Brille zu steigen!“ Anmerkung des Dolmetschers, dem ich die Originalabschrift zeigte: „Diese Anweisung wendet sich selbstverständlich nur an Einheimische!“