Donnerstag, 1. August, 1. Programm: „Der gewöhnliche Faschismus“

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Neu ist er nicht, dieser Film von Michail Komm über den gewöhnlichen, den alltäglichen, den ordinären Faschismus, eine preisgekrönte Dokumentation, die sich in der deutschen Fassung am Schluß allgemein-menschlich und nicht politisch-aggressiv gab. Der bundesrepublikanische Neonazismus blieb außer Betracht, Konsequenzen wurden so wenig wie Ursachen analysiert, man sah die Explosion, aber nicht die Luntenleger und auch diejenigen nicht, die heute den Funken bewahren, der schon kein Fünkchen mehr ist.

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Neu waren die Bilder für uns, man kannte sie kaum, diese Archivphotos des geifernden Gliedermannes, der Hitler-Puppe mit den schnellenden Armen, den Marionettenschrittchen und den wie von Drähten gelenkten, sich in Rückchen und Zückchen äußernden Gesten. Nie wurde das Precigerhafte, die Mimik des völkischen Bußmönchs und chauvinistischen Kanzelredners, so deutlich wie im Film Michail Romms, doppelt deutlich durch einen witzig kommentierenden Text, der das Un-Angemessene, das Popanzhafte und Steif-Maschinelle nationalsozialistischer Artikulationen heraushob, dieses Augenrollen von Automaten, die nicht erkennen, wie komisch sie wirken in ihrer Blutrunst und Feierlichkeit. Endlich war es möglich, über die Mörder zu lachen; fröhliches Gelächter vorm Bildschirm verharmloste nicht, sondern erwies sich als Ausdruck der Überwindung. Historische Distanz wurde sichtbar, das Numinose, ohne an Schrecken zu verlieren, auf Kasperle-Maße verkleinert; Anspruch und Wirklichkeit sahen sich gegenübergestellt; das Lachen gab der Beerdigung Glaubwürdigkeit.

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...und war ein befreiendes Lachen, weil nicht allein der Harlekin vom Inn, sondern auch der Kassierer am Theatereingang ins Blickfeld geriet. Von unserem geliebten Führer sprach Krupp, der Konzernherr; die Industriellen marschierten im Gleichschritt, Hilgenberg strahlte; optisch stellten sich Beziehungen zwischen Baronen und Braunen, dem Frackschoß und dem Ladenschwengel her. Das war gut und nützlich, das zeigte hinter den völkischen Phrasen ein handlich-festes Interesse, zeigte die Klasse hinter der Rasse und hinter der Klasse die Kasse, das hätte ausgeführt werden können.