Von A. D. Sacharow

Die Ansichten des Verfassers haben sich im Milieu der wissenschaftlichen und technologischen Intelligenz gebildet, wo über die Grundsätze und die besonderen Aspekte der Außen- und Innenpolitik und über die Zukunft der Menschheit große Besorgnis herrscht. Diese Besorgnisse werden vor allem dadurch wach gehalten, daß innerhalb von Politik, Wirtschaft, Erziehung und auch des Wehrwesens die Wissenschaft als Methode noch immer keinen Eingang gefunden hat.

Wir betrachten als „wissenschaftlich“ eine Methode, die auf der grundlegenden Analyse von Tatsachen, Theorien und Ansichten beruht, eine unvoreingenommene, furchtlose, offene Diskussion zuläßt und die entsprechenden Folgerungen einschließt. Die Komplexität und Vielfalt der Erscheinungen des modernen Lebens, die großen mit der wissenschaftlich-technischen Revolution und gewissen Anzahl sozialer Tendenzen verknüpften Möglichkeiten und auch Gefahren verlangen entschieden eine solche Behandlung.

In dieser Schrift, die zur Diskussion auffordert, hat sich der Verfasser das Ziel gesetzt, mit größter Überzeugung und Offenheit zwei Thesen aufzustellen:

I. Die Teilung der Menschheit in zwei Lager bedroht sie mit Zerstörung. Die Zivilisation wird gefährdet: durch einen allgemeinen thermonuklearen Krieg, durch Hungerkatastrophen, durch die Narkose der „Massenkultur“ und des bürokratischen Dogmatismus sowie durch eine Verbreitung von Massenlegenden, die ganze Völker und Kontinente unter die Gewalt grausamer und verlogener Diktatoren bringen, und schließlich durch die Zerstörung und Degeneration, welche die raschen Veränderungen der Lebensbedingungen auf unserem Planeten herbeiführen.

Angesichts dieser Gefahren ist jede Handlung, die die Teilung der Menschheit fördert, jedes Predigen der Unvereinbarkeit der Weltideologien und der Nationen Irrsinn und ein Verbrechen. Nur allgemeine Zusammenarbeit unter den Bedingungen geistiger Freiheit und die hohen moralischen Ideale des Sozialismus werden zusammen mit dem Versuch, den Dogmatismus und den Druck der geheimen Interessen herrschender Klassen zu beseitigen, die Zivilisation bewahren.

Der Leser wird verstehen, daß ideologische Zusammenarbeit nicht möglich ist mit jenen fanatischen, sektiererischen und extremistischen Ideologien, die jede Möglichkeit einer Annäherung, einer Diskussion und eines Kompromisses ablehnen, zum Beispiel die Ideologie der rassistischen, militaristischen und maoistischen Demagogie.

Millionen in der ganzen Welt streben danach, die Armut zu beseitigen. Sie hassen Unterdrückung, Dogmatismus und Demagogie. Sie glauben an einen Fortschritt, der sich auf die von der Menschheit gesammelte Erfahrung unter den Bedingungen sozialer Gerechtigkeit und geistiger Freiheit gründet.

II. Die zweite grundlegende These lautet, daß geistige Freiheit für die menschliche Gesellschaft unerläßlich ist: Freiheit, Informationen zu erhalten und zu verbreiten, Freiheit zu offenherziger und furchtloser Debatte und Freiheit vom Druck durch Obrigkeit und Vorurteile. Nur die so gewonnene Denkfreiheit bietet die Garantie gegen eine Infektion der Menschen durch Massenlegenden, die in der Hand verlogener Heuchler und Demagogen zu blutiger Diktatur werden können. Gedankenfreiheit ist die einzige Garantie für die Tauglichkeit eines wissenschaftlich, demokratischen Zugangs zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Doch Gedankenfreiheit ist in der modernen Gesellschaft einer dreifachen Gefährdung ausgesetzt, der Bedrohung durch das Opium der Massenkultur, durch eine feige, egoistische und engstirnige Ideologie und durch den verkalkten Dogmatismus einer bürokratischen Minderheit und deren Lieblingswaffe, die ideologische Zensur. Gedankenfreiheit muß daher durch alle denkenden und aufrichtigen Menschen verteidigt werden. Dies ist eine Aufgabe nicht nur für die Intelligenz, sondern für alle Gesellschaftsschichten, vor allem für diejenige, die die aktivste und am besten organisierte ist – nämlich die Arbeiterklasse. Die weltweiten Gefahren des Krieges, des Hungers, des Personen- und Bürokratiekults – das sind Gefährdungen, denen die ganze Menschheit ausgesetzt ist.

Die Anerkennung ihrer gemeinsamen Interessen durch Arbeiterklasse und Intelligenz ist ein erstaunliches Phänomen unserer Zeit. Das fortschrittlichste und aktivste internationale Element der Intelligenz ist dem Wesen nach ein Teil der Arbeiterklasse, und der fortschrittlichste, gebildetste, weitherzigste und am stärksten international gesonnene Teil der Arbeiterschaft ist ein Teil der Intelligenz.

Diese gesellschaftliche Stellung der Intelligenz macht all jene lauten Forderungen sinnlos, die da verlangen, daß die Intelligenz ihre Ziele dem Willen und den Interessen der Arbeiterklasse unterordnen müsse (in der Sowjetunion, Polen und anderen sozialistischen Ländern). In Wahrheit bedeutet diese Forderung die Unterordnung unter den Willen der Partei, oder, genauer, unter den Parteiapparat und seine Funktionäre.

Tödliche Gefahren

Drei technische Aspekte der thermonuklearen Waffen haben den Atomkrieg zu einer Gefahr für das Fortbestehen der Menschheit gemacht. Diese Aspekte sind: die enorme Zerstörungskraft einer Atomexplosion, die verhältnismäßig billige Herstellung der Atomwaffen und die Unmöglichkeit wirksamer Verteidigung gegen einen massiven thermonuklearen Angriff.

Heute kann man einen nuklearen Sprengkopf von drei Tonnen als „typisch“ ansehen (er liegt etwa zwischen dem Sprengkopf einer „Minuteman“ und einer „Thun II“). Die Feuerzone der Explosion eines solchen Sprengkopfes ist 150mal größer als die der Hiroshima-Bombe, und die Zerstörungszone ist 30mal größer. Wenn eine solche Bombe über einer Stadt detoniert, würde ein Gebiet von 100 Quadratkilometern völlig zerstört, und der radioaktive Staub würde tödliche Gefahren über Tausende von Quadratkilometern verbreiten.

Zu den Kosten: Nachdem das Stadium der Forschung und Entwicklung vorbei ist, ist die Massenproduktion von Atomwaffen und Trägerraketen nicht teurer als zum Beispiel die Produktion von Militärflugzeugen, die während des Krieges zu Zehntausenden fabriziert wurden. Die Jahresproduktion von Plutonium in der Welt beläuft sich auf Zehntausende von Tonnen. Wenn man annimmt, daß die Hälfte dieser Produktion für militärische Zwecke verwendet wird und daß ein Durchschnitt von einigen Kilogramm pro Sprengkopf ausreicht, dann gibt es heute bereits genug Sprengköpfe, um die Menschheit mehrmals zu vernichten.

Der dritte Aspekt der atomaren Bedrohung (zusammen mit der Zerstörungskraft und Billigkeit der Sprengköpfe) besteht in dem, was wir als die praktische Unmöglichkeit der Verhinderung eines massiven Raketenangriffs bezeichnen. Diese Lage ist Fachleuten wohlbekannt. In der populären wissenschaftlichen Literatur kann man darüber in einem Artikel von Richard L. Garwin und Hans A. Bethge im „Scientific American“, März 1968, nachlesen.

Die Technologie und Taktik des Angriffs haben heute die Technologie der Verteidigung weit übertroffen – trotz der Entwicklung sehr wendiger und mächtiger Antiraketen mit nuklearen Sprengköpfen und trotz anderer technischer Ideen, wie etwa der der Verwendung von Laserstrahlen und so weiter.

Verbesserung in der Widerstandsfähigkeit von Sprengköpfen gegen Schockwellen und Hitzewirkungen von Neutronen und Röntgenstrahlen sowie die Möglichkeit des Masseneinsatzes von vergleichsweise leichten und billigen Täuschungskörpern, die von Sprengköpfen nicht zu unterscheiden sind und die die Möglichkeiten eines

Anti-Raketen-Abwehrsystems ausmanövrieren, eine Vervollkommnung der Taktiken massiver und konzentrierter Angriffe in Raum und Zeit, die die Frühwarnzentrale der Verteidigung überbeanspruchen, Angriffe aus der Raumsphäre, die Verwendung von aktiven und passiven elektronischen Störmaßnahmen und andere in der Presse nicht enthüllte Methoden – all dies hat technische und wirtschaftliche Hemmnisse gegen eine wirksame Raketenverteidigung aufgerichtet, die zur Zeit unüberwindlich sind.

Die Erfahrung vergangener Kriege zeigt, daß die erste Anwendung neuer technischer oder taktischer Angriffsmethoden gewöhnlich sehr wirksam ist, selbst wenn ein einfaches Gegenmittel bald entwickelt werden kann; aber in einem Atomkrieg kann der erste Schlag entscheidend sein. Eine Ausnahme wäre nur gegeben, wenn zwischen dem Potential zweier Feinde ein großer technischer und wirtschaftlicher Unterschied besteht. In einem solchen Fall würde die stärkere Seite, indem sie sich ein Anti-Raketen-Verteidigungssystem mit einer vielfachen Reserve zulegte, der Versuchung gegenüberstehen, die Ungewißheit eines gefährlichen Gleichgewichts mit einem Schlage dadurch zu beenden, daß sie einen Teil ihres Angriffspotentials darauf verwendet, die meisten Abschußbasen des Feindes zu zerstören.

Zum Glück für die Stabilität der Welt ist der Unterschied zwischen dem technisch-wirtschaftlichen Potential der Sowjetunion und dem der Vereinigten Staaten nicht so groß, daß eine der beiden Seiten eine „Präventivaggression“ unternehmen könnte, ohne das Risiko eines zerstörerischen Gegenschlags zu laufen. Diese Situation würde sich auch durch eine neue Umdrehung im Rüstungswettlauf auf Grund der Entwicklung von Anti-Raketen-Systemen nicht ändern.

Nach der Meinung vieler Menschen – einer Meinung, die vom Verfasser geteilt wird – würde eine diplomatische Formulierung dieser von beiden Seiten anerkannten Lage, etwa in Form eines Moratoriums für den Bau von Raketen-Abwehrsystemen, eine nützliche Demonstration des Wunsches sein, den Status quo zu erhalten und nicht das Wettrüsten zugunsten sinnlos kostspieliger Raketen-Abwehrsysteme weiterzutreiben. Das wäre die Dokumentierung des Wunsches, zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander zu kämpfen.