Demokratie beruht auf drei Prinzipien: auf der Freiheit des Gewissens, auf der Freiheit der Rede und auf der Klugheit, keine der beiden in Anspruch zu nehmen. Mark Twain

Ausweg für die „Ausfahrt“

Ein Londoner Berufungsrichter hat Mitte vergangener Woche Hubert Selbys Roman „Last Exit to Brooklyn“ (soeben veröffentlichte ihn der Rowohlt Verlag in deutscher Übersetzung) freigegeben. In erster Instanz waren seine englischen Verleger (Calder and Boyars) im November 1967 von einem Schöffengericht wegen Verbreitung obszöner Schriften zu 100 Pfund Geldstrafe und zu Übernahme der Gerichtskosten verurteilt worden, obwohl die Verteidigung nicht weniger als dreißig zum Teil sehr prominente Sachverständige aufgeboten hatte, die zugunsten des Buches aussagten (eine gründliche Analyse seiner Erfahrungen bei diesem Verhör und der Probleme, die derartige Verfahren aufwerfen, veröffentlichte Frank Kermode in einer der letzten Nummern der New American Review). Der Berufungsrichter fällte selber keine Entscheidung darüber, ob der Roman nun obszön sei oder ob er gegebenenfalls trotz Obszönität dem öffentlichen Wohl diene. Er hob das Urteil der ersten Instanz vielmehr darum auf, weil der Richter der Jury damals nicht plausibel gemacht hatte, was er nach dem Gesetz plausibel zu machen hat: wie ein Buch sowohl obszön sein kann (nämlich geeignet, das Publikum zu „verderben und zu korrumpieren“) als auch dank seiner literarischen, gesellschaftlichen und ethischen Meriten von Nutzen für das öffentliche Wohl. Da wahrscheinlich kein Richter keiner Jury das je verständlich machen kann, brauchen Englands Autoren und Verleger solche Prozesse fürs erste wohl nicht mehr zu fürchten.

Gegenwartsbewältigung in der BRD...

Eine auffallend große Zahl von Stücken, die deutsche Bühnen für die Spielzeit 1968/69 zur Uraufführung angekündigt haben, befaßt sich mit politischen Themen. Tankred Dorsts Stück „Toller“, ursprünglich von den Bayerischen Staatsschauspielen angekündigt, wird in Stuttgart Premiere haben. Eine dokumentarische Rohfassung des gleichen Themas wird unter dem Titel „Räterepublik München 1919“ in Castrop-Rauxel uraufgeführt. Max von der Grüns „Notstand“ hat ebenfalls in Castrop-Rauxel Premiere. Das Kaiserslauterer Theater kündigt die „Verschwörer“ von Wolfgang Graetz an, ein Stück über den 20. Juli, das bereits vor Jahren von den Münchner Kammerspielen wieder fallengelassen wurde, nachdem ein Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte negativ ausgefallen war. Von Peter Hacks zeigt Göttingen „Margarete in Aix“. Wolfgang Menges „Dubrow-Krise“, ein Stück über Probleme der Wiedervereinigung, wird in Münster, Peter Handkes „Augenzeuge“ in Oberhausen gezeigt werden. Die Münchner Kammerspiele führen Siegfried Sommers „Marilli Kosemund“ zum erstenmal auf und zeigen von Albee die „Worte des Vorsitzenden Mao“, „Box“ und „Everything in the Garden“ sowie Edward Bonds „Early Morning“ als deutsche Erstaufführungen. Von Armand Gatti wird die „Schlacht der sieben Tage und sieben Nächte“ in Celle gezeigt, „Der Storch“ und die „Geburt“ in Kassel.

...und in der DDR

Die DDR-Bühnen zeigen in der kommenden Spielzeit eine ganze Reihe von Gegenwartsstücken einheimischer Dramatiker: Das Deutsche Theater in Ostberlin spielt Günther Rückers „Herrn Schmidt“, Hans Luckes „Mäßigung ist aller Laster Anfang“ und Volker Brauns „Hans Faust“. In Leipzig werden Horst Dreschers „Die Leute von Kottengruben“ und Christoph Hamms „Neues Licht“ gespielt. Rostock zeigt Harald Hausers „Liebe ohne Visum“, C. U. Wiesners „Friseur Kleinekorte“ und den „Gast vor Mitternacht“. Weitere Uraufführungen: in Magdeburg Karl Heinz Jacobs „Heimkehr des verlorenen Sohnes“, in Erfurt und am Berliner Ensemble Helmut Baierls „Johanna von Doebeln“, in Karl-Marx-Stadt Alfred Matusches „Lied meines Wegs“ und in Potsdam Karl Mickels „Nausikaa“. Nach den Titeln zu schließen, werden also die Bühnen in der Bundesrepublik und in der DDR einige Anstrengungen unternehmen, um der Gegenwart theatralisch auf die Schliche zu kommen. Der Weg zur nächsten Saison scheint mit guten Vorsätzen gepflastert.