FÜR Pop-Konsumenten, Pop-Produzenten, Verbraucher ästhetischer oder anti-ästhetischer Waren, documentabiennalekünstlerbundhausderkunst-Besucher &-Verlasser, Kunstgeschichtler, Hausfrauen, Börsenspekulanten, Kunst gleich Leben & Antikunst gleich Leben & Kunst gleich Antileben-Verfechter –

Lucy R. Lippard: „Pop Art“, aus dem Englischen von Wolfgang und Margarete Längsfeld; Verlag Droemer Knaur, München/Zürich; 216 S., 188 Abb., 18,50 DM.

ES ENTHÄLT fast alle Daten, Informationen, Analysen der Pop-Art aus angloamerikanischer Sicht. Dazu hat Lucy R. Lippard für die „Entwicklung von Pop in England“ Lawrence Alloway, für „Pop-Art in Kalifornien“ Nancy Marmer, für „Pop-Ikonologie“ Nicolas Calas als Mitarbeiter gewonnen.

ES GEFÄLLT als Beispiel der von Alloway, dem früheren Kurator des Guggenheim-Museums, einmal geforderten short-term art history, einer kurzfristigen Kunstgeschichte, die exakt und dokumentarisch belegt Detail-Untersuchungen an die Stelle weltanschaulicher oder vorgefertigter Urteile setzt. Solche Untersuchungen fördern die Verschiedenheiten zutage, die den Pop-Künstler der ersten Phase – für England etwa Richard Hamilton – von dem der zweiten oder dritten Phase trennt. Für New York läßt Lucy R. Lippard überhaupt nur fünf „unumstrittene“ Pop-Künstler gelten; ihnen gesellt sie einige wenige von der Westküste der Vereinigten Staaten und aus England bei. (Die fünf New Yorker sind: Warhol, Lichtenstein, Wesselmann, Rosenquist, Oldenburg.) Im französischen neuen Realismus sieht sie ein von der Pop-Art völlig getrenntes Phänomen: „Die Amerikaner akzeptieren ihre tägliche Realität unmittelbar, während die Europäer dazu neigen, sie als Mythologie des Alltags’ zu verstehen“; und im gleichen Buch, ein paar Seiten davor, erklärt Nancy Marmer die Pop-Art als die „Mythisierung des Amerika der Massenmedien“. Hier reißen an einem einzigen Beispiel, die verschiedenen Interpretationen auf, die man für Pop und Pop-Art bereithält. Drei mögliche zumindest: 1. Pop-Art oder, allgemeiner, Pop-Kultur, um die Erzeugnisse der Massenmedien selbst zu benennen; das war der Standpunkt Alloways Mitte der fünfziger Jahre in London. 2. Pop-Kunst als deren Rückübersetzung ins künstlerische Medium (die zitierten fünf Amerikaner als Beispiel). 3. Pop-Art als Pop-Bewegung, als allgemeine, vom Künstler, Designer, Architekten, Modeschöpfer gesteuerte Aufforderung an alle, sich der Produkte der Konsumgesellschaft spielerisch schöpferisch zu bedienen. Diesem dritten Punkt schenkt das Buch wenig oder keine Aufmerksamkeit. Es sei denn, man geht auf die Position Hamiltons ein, die er vor über elf Jahren formulierte. Danach ist Pop-Art populär (für eine große Masse entworfen), vergänglich (kurzfristige Lösung), zum Verbrauch bestimmt (schnell vergessen), billig, Massenprodukt, jung (auf die Jugend gerichtet), witzig, sexy, gimmicky, glamorous, big business.

Jürgen Claus