Bis zum 28. Juni dieses Jahres wurde in Schweizer Zeitungen von auswärtigen Studentenunruhen meist mit jener Mischung aus Verwunderung und Verachtung berichtet, in der das „Bei uns kommt so etwas nicht vor“ so wunderbar unausgeschrieben gleich mit enthalten ist.

Aber dann kamen der 29. und 30. Juni, und was den Berlinern vor einem Jahr der Schah, war den Zürchern jetzt das Kaufhaus Globus. Der Streit darüber, ob dieses leergeräumte Warenhaus Jugendlichen für ihre Veranstaltungen zur Verfügung gestellt werden sollte oder nicht, endete in einer zweitägigen Straßenschlacht. Die Reaktion der Offiziellen und der Bevölkerung war ähnlich wie bei uns, nur noch ein bißchen mehr so – Max Frisch faßte sie in dem Satz zusammen: „Es wird kaum nötig sein, aber es wäre jederzeit möglich, einen freiwilligen Volkssturm zu haben gegen die Jugendlichen.“

Frisch, der in der Weltwoche ebenso sachlich wie unmißverständlich Stellung nahm, Frisch, der nicht weniger schweizerisch gesinnt ist als die aufgebrachten Leserbriefschreiber der Neuen Zürcher Zeitung (nur eben auf etwas andere Weise), zog die Summe aus den Zürcher Vorkommnissen: „Unsere Gesellschaftsform ist in Frage zu stellen. Eine fundamentale Kritik halte ich nicht nur für berechtigt, sondern für unumgänglich, wenn unser Land bestehen soll, also nicht nur eine Kritik, die die Praxis mißt an der Ideologie, sondern eine Kritik an der Ideologie selbst.“

Frisch gehörte außerdem, zusammen mit dem Schriftsteller Walter M. Diggelmann und dem Maler Gottfried Honegger-Lavater, zu den Unterzeichnern eines Manifestes, in dem, unter anderem, die Wiederherstellung des Demonstrationsrechtes, Verzicht auf Sanktionen gegen friedliche Demonstranten (wie Relegation von Schülern und Studenten, Ausweisung von Ausländern), Bereitstellung eines Diskussionsforums und eine Fortsetzung des Gespräches mit allen Minderheiten gefordert wurden.

So weit, so gut: Betrachtungen zur Situation und Manifeste hat es auch hier gegeben. Aber so wichtig solche Stellungnahmen auch sein mögen: sie sind, wenn man einmal von Gewaltandrohungen, die man sich dadurch einhandeln kann, absieht, doch verhältnismäßig kosten- und vor allen Dingen leider meist folgenlos. Ein Manifest läßt sich wunderbar abheften.

So jedenfalls müssen es die 15 Unterzeichner des Zürcher Manifestes empfunden haben, sonst hätten sie sich wohl kaum zu einer „Arbeitsgemeinschaft Zürcher Manifest“ zusammengeschlossen. In der vergangenen Woche hielten sie in Zürichs unkonventionellstem Haus (und das betrifft nicht nur die Architektur), dem Centre Corbusier“, eine erste Pressekonferenz ab.

Die Ziele der Arbeitsgemeinschaft entsprechen den einzelnen Punkten des Manifestes, aber daß auch das bestformulierte Manifest weniger vermag als eine noch so kleine Gruppe zur Aktivität bereiter Menschen, haben die fünfzehn Zürcher bereits registrieren können: Der Stadtrat entsandte seine Delegation zur Besprechung mit Vertretern des Manifests, und die Neue Zürcher Zeitung konnte nicht umhin, festzustellen: „Man darf nach den Eindrücken der Pressekonferenz zumindest einem Teil der Exponenten des Zürcher Manifests’ den guten Willen zubilligen, daß sie aus dem Geschehenen Erkenntnisse zu gewinnen suchen, die zu einer positiven Auseinandersetzung führen, können.“