Von Robert Jungk

Der Amerikaner Robert U. Ayres, trotz seiner Jugend einer der Väter der neuen Disziplin des „Technological Forecasting“, hat kürzlich in einer monumentalen zweibändigen Studie den städtischen Verkehr von allen nur möglichen Gesichtspunkten aus untersucht. Er kommt dabei zu dem Schluß, daß alle Versuche dem jetzigen Zustand durch Kontrolle des Bestehenden wie Sperre der Innenstadt für Privatautos, Auspufffilter, Verkehrserziehung höchstens ein paar Jahre Gnadenfrist gewähren würden. Die radikale Erneuerung der Transportsysteme in den Städten, im Verkehr mit ihren Vororten und von Stadt zu Stadt sei unvermeidlich. Sie werde in drei Hauptrichtungen zielen:

Erstens: Eindimensionale Schienen- oder Leitwegsysteme. Dazu gehören das zur Zeit schon im Bau befindliche automatisierte Vorortbahnsystem BARTD für die Umgebung von San Franzisko (vierzig breite komfortable Züge pro Stunde), die Alwegbahn zum Flughafen von Tokio, der Aerotrain von Paris nach Orleans, geleitete Luftkissenfahrzeuge (Typ Hovercraft oder Levacar) oder die unter der Erde auf einem Luftkissen schwebende und mit 800 Stundenkilometer vorwärtsgetriebene „Rohrpost für Passagiere“, an der Professor J. V. Foa im Rensselaer Polytechnic Institute arbeitet.

Zweitens: Zweidimensionale oder Huckepacksysteme, bei denen der Fahrer einen Freiheitsgrad mehr besitzt. Hier werden die verschiedensten Typen von Bussen oder bewegliche Einzelkabinen auf den Hauptstrecken getragen, geführt oder angetrieben, können aber aus eigener Kraft von Zubringerstraßen her zustoßen oder auf Nebenstrecken abbiegen wie zum Beispiel das Urbmobile, der StaRRcar und der Commucar, die alle in den USA entwickelt werden, oder der „Skycrane“, ein Hubschrauber, der mobile Warteräume voller Flugpassagiere wie ein Adler packt und vom oder zum Lufthafen fliegt.

Drittens: Automatische oder kontinuierliche Systeme. Dazu gehören Laufbänder, die besonders im Stadtzentrum an die Stelle der anderen Verkehrsarten treten könnten, individuelle Wagen, die auf Stahl- oder Gummitransmissionsriemen laufen. „Module“, die horizontal oder bei Straßenverkehr auf mehreren Ebenen auch vertikal verkehren. Kontinuierliche Untergrundbahnen, die ohne Unterbrechung, aber in langsamerem Tempo fahren, wie sie Zuppinger und Bouladon (Battelle Institut, Genf) vorschlagen.

Es sind nicht nur technische Neuerungen wie Luftkissenfahrzeuge, Hydrofoilschiffe, ferngesteuerte Elektromobile, die von ihren Besitzern ohne Fahrer zu entfernten Parkplätzen geschickt und durch Telephonanruf wieder elektronisch herbeigepfiffen werden, oder Rapid-Paternoster für Hochhäuser mit 60 bis 100 Stockwerken, von denen alleine Lösungen der Verkehrskrise erwartet werden dürfen, sondern vor allem gesellschaftliches Umdenken. So hat Professor Shubik von der Yale-Universität in den Diskussionen der „Kommission für das Jahr 2000“ ganz richtig bemerkt, eine beträchtliche Entlastung des Verkehrs wäre schon dadurch zu erreichen, daß das Auto nicht mehr als Privatbesitz, sondern als „unpersönlicher Gebrauchsgegenstand wie ein Telephonapparat“ angesehen werden würde. Wer Auto fahren wollte, müßte jederzeit in der Nähe seiner Wohnung einen leerstehenden Wagen wählen können, ihn durch das Einführen einer Kreditkarte zum Fahren bringen und am Ende seiner Reise zum Gebrauch durch andere einfach wieder abstellen dürfen. So würde eine hohe Ausnutzung jedes einzelnen Autos garantiert und alles in allem weniger Wagen für den Gesamtverkehr notwendig sein.

Einen anderen interessanten gesellschaftspolitischen Vorschlag machte John E. Gibson (in der hochinteressanten, den Zukunftsaspekten des Verkehrs gewidmeten Aprilnummer 1968 der „Proceedings of the Institute of Electrical and Electronic Engineers“, New York). Er stellt folgende Rechnung auf: Die amerikanische Regierung gab im Jahre 1965 sieben Milliarden Dollar für Straßen und Autobahnen aus. Die Kapitalanlagen für die Anschaffung von zehn Millionen neuen Autos pro Jahr betragen weitere sieben Milliarden Dollar, die Betriebskosten für die ungefähr hundert Millionen in den USA fahrenden Autos rund hundert Milliarden Dollar. In anderen Worten: Fünfzehn bis zwanzig Prozent der Gesamterzeugung der USA wird für Verkehr ausgegeben... Wie wäre es, wenn die Regierung in den nächsten zehn Jahren zwanzig Milliarden Dollar pro Jahr für den Bau von sehr schnellen kontinentalen Bodentransportsystemen ausgeben (Durchschnittsgeschwindigkeit 403 Stundenkilometer) und dann ihren Bürgern die Gratisbenutzung dieser Transportmittel innerhalb der USA gestatten würden? Gibson: „Das wird vermutlich keine zusätzliche Belastung für unsere Wirtschaft, weil wir ja große Einsparungen beim Straßenbau machen würden.“