Sonntag, 4. August, 1. Programm: „Eine Luftreise, ein Abenteuer, etwas für Kenner.“

Ein Versuch war das, ein formal interessantes Experiment, mit dessen Hilfe ein Ort – das Städtchen Ascona – sich jenseits aller Kulturfilm-Schematik, ohne Holzfäller, Silberwellen und Agaven im Mondlicht, darstellen sollte. Kamera im Flugzeug, Kamera auf der Piazza, Vogel-Optik und Frosch-Perspektive, reichlicher Funkverkehr zwischen Vogel und Frosch – ein Ort wurde in die Zange genommen; Fragen und Antworten, die Erkundigungen unter den Wolken und die Auskünfte in Nähe des Bodens ergänzten einander; das work in progress stand nach bewährten literarischen (doch filmisch noch wenig erprobten) Mustern für das Werk selbst, die Beschreibung der Präliminarien erwies sich als Hauptgegenstand, wieder einmal war der Darstellungsakt wichtiger als das Resultat der Operation.

Lohnt sich’s zu landen, lohnt sich’s zu drehen, kann man anno 68 in Ascona eine plausible Story ansiedeln, den Vietnam-Diskurs vom glyzinienumsäumten Altersheim aus abspulen lassen, jenem Asyl, in dem die Stars von gestern angeblich die Welt auf die Größe des Lago Maggiore verkleinern ... lohnt es sich wirklich: Die Frage am Anfang blieb Frage, zu urteilen hatte der Betrachter am Bildschirm, aber, die Antwort wurde ihm nahegelegt.

Aus Mannequin-Mündern rollten bleischwere Slogans, nein, es bedeutet für mich keinen besonderen Glückszustand, in Ascona zu sein, alternde Artisten, leibhaftige Gespenster aus der Filmwelt des Louis Jouvet, gaben Tiefsinnigkeiten von sich, lauter kleine Gloria Swansons kehrten in die Arena zurück, die Sätze rochen nach Schminke und Gaze, nach alter Mode und lehmigen Gräbern; gewiß, da war, als Kontrapunkt, auch der sanft belehrende Frisch, da war der selbstironische Robert Neumann mit von der Partie, doch die Lemuren dominierten, im Hades wurden unter Palmen und am Swimming-pool papierene Träume geträumt und Geschichten im Perfekt erzählt.

Ein witzig-verspielter, snobistisch-gekonnter Film, diese Anti-Ufa-Topographie, diese Collage von Thomas Michael, Hans Noever und Josef Kaufmann. Ein Schritt, ein erster Schritt voran. Etwas weniger Befrachtung (die Frage nach der Vietnam-Story hatte keine Funktion), ein stärkeres Ausschöpfen der vielen durch die Doppelperspektive nahegelegten Möglichkeiten (Lufttraum contra Realismus am Boden), eine die spielerischen Akzente steuernde Einblendung von Fakten, von Statistiken und Daten der Infrastruktur (es gibt in Ascona auch Straßenpflaster, Abwässer und Schulen), schließlich ein wenig mehr Takt und artistische Humanität – und der Film wäre vorzüglich gewesen.

Aber vor allem an jener Menschlichkeit, die der grimmigen Denunziation eines Phantoms erst die Glaubwürdigkeit gibt, haperte es in dieser formal so faszinierenden Montage. Walter Mehring bei der altersschwachen Generalprobe seines Auftritts zu filmen, beim Erfinden einer kläglichen, dann noch verpatzten Pointe – das war nicht mehr Entlarvung, das war standgerichtlicher Mord, da wurde beim Zuschauer die grausamste Emotion geweckt, die einem Künstler zuteil werden kann: das Mitleid mit der armen Kreatur. Nur noch Erbarmen. Momos