Die Not seiner Städte: Neben dem größten Reichtum das größte Elend

Von Joachim Schwelien

Amerika nennt sich gern eine offene Gesellschaft, in der es keine nach Kasten und Hierarchien streng voneinander abgesonderte soziale Gruppen gebe und in der jedermann der Aufstieg nach Leistung und Befähigung offenstehe. Das trifft insofern zu, als sich die Klassen nicht voneinander abkapseln und der Übergang von der einen in die andere unbehindert erfolgt, wo die materiellen Voraussetzungen gegeben sind. Sonst aber besteht Amerika aus drei oder vier geschlossenen Gesellschaften, die sich in ihren Lebensgewohnheiten, ihrem Daseinsstandard und ihrer Lokalisierung deutlich voneinander unterscheiden und die voneinander fast übergangslos getrennt sind, auch wo sie sich in enger räumlicher Nähe befinden.

Das sind einmal die auf rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung zusammengeschrumpfte und sich weiter verringernde Farmerbevölkerung, die unmittelbar in der landwirtschaftlichen Produktion tätig ist; zu ihr ist die Einwohnerschaft der ländlichen Klein- und Mittelstädte mit weiteren zwanzig bis dreißig Prozent der Gesamteinwohnerschaft der USA zu rechnen. Daneben steht die städtische Bevölkerung mit der Bewohnerschaft der alten Stadtkerne, um die sich die Ringe der mittelständischen Suburbias oder Vororte und die Villen der Reichen von Ex-Urbia gebildet haben.

Der Stadtkern, die Altstadt, im Amerikanischen die downtown area, zeichnet sich durch besondere Charakteristika aus: Er hat den höchsten Prozentsatz an farbigen Einwohnern, der noch ständig zunimmt; hier herrschen die ungünstigsten sozialen Verhältnisse mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen, der höchsten Arbeitslosigkeit und den rückständigsten Schulen und Krankenhäusern; dies ist daher die steuerertragsärmste und die höchsten Zuschüsse an Wohlfahrtleistungen erfordernde bewohnte Region der Vereinigten Staaten.

In diesen Altstadtkernen wuchern die Elendsviertel oder Slums, wegen ihres hohen Anteils an Farbigen auch Gettos, da die Farbenlinie eine sichtbare Barriere darstellt. Gouverneur Nelson Rockefeller hat zu Beginn dieses Jahres in einer wegen ihrer Schonungslosigkeit von der weißen Herrschaftsschicht Amerikas mit Schweigen übergangenen Rede festgestellt: Diese Slums dehnten sich schneller aus als die Elendsviertel in irgendeiner anderen westlichen Industrienation. Er legte einen Plan vor, die Slums in zehn Jahren mit einem zur Hälfte aus staatlichen, zur Hälfte aus privaten Investitionen aufzubringenden Betrag von 150 Milliarden Dollar zu sanieren.

Wuchernde Slums