Von Robert Neumann

Erstens: Sie kommt den Gartenweg herauf – sie kommt unter lauten Rufen – nein, nicht jodelnd, es sind Rufe, wie man sie etwa unter Pfadfindern (nein: unter sozialistischen Wandervögeln) zu hören bekommt, wenn zwischen Kopf und Nachhut des aufgelockerten Fähnleins die Wanderverbindung aufrechterhalten sein will, „beim Marterl den Weg nach links“ – so etwa. Jedenfalls: alpin. Im konkreten Fall – „hoho! is wer zuhaus? hallo!“ – ist es die Absicht, den Besuchten vorauszuwarnen, damit er nicht etwa infolge allzu plötzlicher Konfrontation mit der Besucherin Schaden leide, der freudige Schreck, nicht wahr, kurzum: „Hoho, is wer z‘haus?“

Die Ruferin, nun steht sie schon auf der Terrasse, infolge ihrer Fürsorge à distance hat kein freudiger Schlagfluß mich angerührt – die Ruferin also, Monica, ist schwarzhaarig, die Haare sind strähnig, auf eine freiluft-freudige Weise ausflugs-verwirrt – eine Indianerin? nein, eher schon eine Zigeunerin, die auf ein wohlgewaschenes Kleinbürgerinnenleben hinuntergekommen ist. Dem Zigeunerischen entsprechen auch die Tönung der Haut und die großartig lebendigen Augen; es schneidet einem ein wenig ins Herz, solche Augen verschwendet zu sehen an ein Gesicht, das von einer geraden, an sich durchaus wohlgeformten aber überdimensionalen Nase beherrscht wird, einem Gesichtserker wenn es je einen gegeben hat, von einem solide arbeitenden Maurer in, mag sein, ganz ausnahmsweise alkoholisiertem Zustand ein ganz klein wenig schief auf die Fassade gesetzt.

Der Mund darunter sitzt wieder durchaus am rechten Fleck und ist generös – wäre generös, wenn er sich schließen könnte, aber gerade dazu hat die Wandervögelin keine Zeit, ihre Zähne präsentieren sich so in Permanenz, Zähne einer Sechzehnjährigen, nein, eines Sechzehnjährigen, eines Jungen mit Sommersprossen etwa, markensammelnd wandervöglig gesangesfroh, man hätte ihm zwecks besserer Zusammenrückung eine Zahnspange anschaffen sollen zur rechten Zeit, doch ist es ein kreuzfideles Gebiß wie es ist.

Was für eine erfreuliche Person im ganzen; sie hat einen militärischen Brotbeutel über der Schulter hängen, er enthält ihr Gepäck; eine lyrische Anthologie und einen Waschlappen, in den eine Zahnbürste gewickelt ist. Wir haben ihr ja doch einmal gesagt, wir besitzen „ein Zimmerl irgendwo“ – kurzum, sie bleibt über Nacht.

Auch Gastgeschenke hat sie uns in dem Brotbeutel mitgebracht, eine hochbegabt selbstmodellierte Madonna modernsten Stils, doch ist sehr wohl zu erkennen, welche der beiden Gestalten die Mutter ist und welche das Kind; ferner ein Päckchen hausgemachter Gedichte, das oberste mit einem aufgeklebten selbstgefundenen vierblättrigen Kleeblatt, und, ah, auf diese Gedichte kommen wir noch zurück!

Vordringlich ist, daß das unüberbietbar einfache Sommerkleid der Wanderfrohen zu heiß ist, auch Sandalen besitzt sie, doch hat sie sie schon im ersten Augenblick abgestreift, und jetzt sagt sie hell: „Hast nix dagegen, so leg ich mich in die Sonn’.“ Daß ich ihr weder Bikini noch Badeanzug leihen kann (wo hat Helga die hingelegt?), betrübt sie nicht einen Augenblick, schon hängt das Kleidchen auf der Terrassenbrüstung, eine heitere Fahne, und unter ihm ist Monica durchaus nicht nackt, sie hat auch noch ein violettes Höschen an, ich bin kein amtlicher Schätzer, doch mag dieses gut und gern einen Franken fünfundzwanzig gekostet haben, so fröhlich und hübsch ist es. Auch erweist sich die Farbe als praktisch – streift eine Dame, etwa auf einen grell sommerlichen Liegestuhl hingestreckt, solch ein violettes Höschen ab und legt es über die Augen – einer weiteren Sonnenbrille bedarf sie nicht.