Am 23. August steht im Städtischen Saalbau in Essen die „heißeste Hauptversammlung“ der Nachkriegszeit bevor. Rund 120 000 Aktionäre der Rheinischen Stahlwerke – allerdings nur zu einem kleinen Teil persönlich dort anwesend – fordern Rechenschaft darüber, wer „ihr“ einst so stolzes Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht hat. Der zweifellos Hauptverantwortliche, der langjährige Rheinstahl-Generaldirektor, Diplomkaufmann Werner Söhngen, wird nicht mehr am zur Anklagebank gewordenen Verwaltungstisch sitzen. Als in diesem Frühjahr das Ausmaß der Verluste nicht mehr zu verheimlichen war, schied er auf Anraten seines Arztes herz- und kreislaufkrank aus. Zurück blieb ein schwerkranker Konzern, den er 14 Jahre lang geführt hatte.

Nichts wäre verfehlter, als Werner Söhngen, der sich vom Bergbau-Funktionär an die Rheinstahl-Spitze emporgearbeitet hatte, zum alleinigen Sündenbock zu machen. Zwar hat er sein Haus stets autoritär bestellt und unbequeme Mitarbeiter kurzerhand gefeuert, aber andere sind auch aus Protest von selbst gegangen. Und die mit Söhngen ausgehalten haben, müssen sich jetzt von den Aktionären fragen lassen, inwieweit sie Mitverantwortung trugen oder nur reine Gehaltsempfänger waren (und keine billigen).

Die Aktionäre wollen sich aber auch an die teilweise recht prominenten Aufsichtsräte halten. Diese haben Söhngen schalten und walten lassen und eine Unternehmenskonzeption gebilligt, die nur deshalb nicht zur völligen Pleite geführt hat, weil Rheinstahl aus glanzvollen Zeiten noch über wertvolle Grundstücke verfügte, die zu Geld gemacht werden konnten.

Aber auch das deutsche Kreditgewerbe wird sich schuldbewußt an die Brust klopfen müssen. Bei Rheinstahl gibt es keinen Großaktionär. Praktisch regierten jene, die das Depotstimmrecht auszuüben hatten. Die Großbanken und eine angesehene Privatbank entsandten zwar Verwaltungsmitglieder in den Rheinstahl-Aufsichtsrat, sogar ein Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung kassierte dort Tantiemen, aber mit welchem Erfolg?

1966 entstand bei Rheinstahl ein Verlust von 40 Millionen Mark (bei einem Aktienkapital von 470 Millionen). Er wurde durch „außerordentliche Erträge“, vorwiegend durch Grundstücksvorkäme, wettgemacht. Söhngen entschloß sich sogar, auf diese Weise noch Mittel für eine Dividende von 6 Prozent zu beschaffen. Die Aktionäre erhielten statt Erträge ihr Vermögen ausgeschüttet und mußten darauf noch Einkommensteuer zahlen.

1967 war das Defizit auf die ungewöhnliche Höhe von 100 Millionen gewachsen. Um sich die Peinlichkeit eines Verlustabschlusses zu sparen, sind wieder Grundstücke verkauft worden. Diesmal für 70 Millionen Mark. An eine Dividende zur Beruhigung ist natürlich nicht mehr zu denken.

1968 – das steht heute schon fest – werden die Aktionäre wieder leer ausgehen. Und wenn kein Wunder passiert, wird es auch 1969 noch keinen ausschüttungsfähigen Gewinn geben.