Von Hansjakob Stehle

Prag, im August

Tito, Ulbricht, Ceaucescu – bunter könnte die Reihe der Besucher kaum sein, die der Prager Parteichef Dubček innerhalb von acht Tagen empfing. Nach dem Sechser-Treffen von Preßburg durften sich die tschechoslowakischen Reform-Kommunisten weder eine Atempause gönnen noch konnten sie an die praktische Arbeit gehen, die – kaum vier Wochen vor dem Außerordentlichen Parteitag – schon allzu lange liegengeblieben ist. „Ich glaube nicht, daß es uns gelungen ist, die anderen kommunistischen Delegationen schon zu überzeugen, daß unser Weg der richtige ist“, bemerkte Parlamentspräsident Smrkovski am Tage vor Titos Ankunft, und er fügte hinzu: Man sei jedoch froh, daß die Freunde diesen Weg jetzt als „unsere Angelegenheit“ respektierten.

Trotz ihres Erfolges müssen die Prager Reformer aber weiterhin mit Kritik aus den Reihen ihrer Bündnispartner rechnen. Es gab Stimmen im Prager Zentralkomitee, die zu „politischer Windstille“ rieten, um dieses Mißtrauen langsam abzubauen. Doch das Parteipräsidium, ohnehin schon bedrängt von einer Bevölkerung, die sich nicht ausreichend informiert fühlt, hielt eine Absage des immer wieder hinausgeschobenen Tito-Besuchs für das größere Übel. Jeder Stillstand könne nur Rückschritt bedeuten, so mahnte ein hoher Funktionär.

Vom ersten Augenblick an machte es Tito seinen Gastgebern leicht, ihren Balanceakt fortzusetzen. Auch die stürmischste Begeisterung der Prager konnte ihn nicht aus der selbstverordneten Reserve herauslocken. Nicht als „Altvater“ kommunistischer Ketzerei wollte sich Tito gebärden, auch nicht als Alternative zu Ulbricht, zu der ihn ein Spruchband stempeln wollte. Er trat vielmehr auf als der „große alte Mann“, der, durch Erfahrungen weise geworden, Brücken zwischen den zerstrittenen Brüdern in Osteuropa schlagen möchte. Auf seiner Pressekonferenz in Prag verteilte er milde Lob und Tadel: Er rühmte „die gleichen oder ähnlichen“ Ansichten bei den Gesprächen mit Dubček, kritisierte jede Einmischung von außen, „soweit sie nicht der gemeinsamen Abwehr einer Aggression dient“, und stellte sich ohne Vorbehalt hinter das Ergebnis von Preßburg.

Tito fand es verständlich, daß sich Rumänien als Mitglied des Warschauer Paktes beklagte, nicht nach Preßburg eingeladen worden zu sein. Für sich selbst aber nahm er in Anspruch, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob Jugoslawien sich an internationalen Treffen der Kommunisten beteiligt. Er versuchte, die Nerven der Russen und ihrer Verbündeten zu schonen, sogar. die der DDR, des „infolge des Krieges entstandenen sozialistischen deutschen Staates“. Die Beziehungen Jugoslawiens zu beiden deutschen Staaten schilderte er als die natürlichste Sache der Welt. Und genau wie die Verfasser der PreßburgeErklärung verzichtete er darauf, das Prager Experiment sozialistischer Erneuerung zu beurteilen.

Die tschechoslowakischen Kommunisten interpretierten sich selbst: mit dem Entwurf des neuen Status der KPČ, das nicht zufällig während Titos Besuch veröffentlicht wurde – zwei Tage, nachdem die Moskauer „Prawda“ noch einmal eine Lockerung des Zentralismus in der Partei als „Kavaliers-Anarchismus“ bezeichnet hatte. Ganz ähnlich wie der Entwurf zur jugoslawischen Parteireform, der den Mitgliedern das Recht zubilligt, gegen Parteibeschlüsse zu argumentieren, nicht aber gegen sie zu agieren, stellt nun der Prager Entwurf fest: Eine Minderheit darf „ihre Meinung behalten und auf der Grundlage neuer Erkenntnisse eine neue Erwägung ihres Standpunktes verlangen“. Sie darf jedoch keine Fraktion in der Partei bilden. Es ist diese begrenzte Liberalität, in deren Geist Tito und Dubček einander nähergerückt sind, auch wenn sie es nach außen hin nicht zugeben können.