Von Oriana Fallaci

Dies ist nicht nur das Porträt eines Mannes – es ist das Porträt eines Regimes, das Porträt eines Krieges. Als die italienische Journalistin Oriana Fallaci – berühmt wegen ihrer schonungslosen Interviews – mit General Loan sprach, war er allmächtiger Polizeichef von Südvietnam. Heute weilt er, der Schwerverwundete, zur Behandlung in Australien. Aber noch immer ist er der engste Vertraute General Kys. Sollte sich der harte Kurs Kys gegen den Präsidenten Thieu durchsetzen, dann wird auch Loan, der sanfte Henker, wieder zur Stelle sein.

Er spricht, als rezitiere er ein Gedicht, seine Stimme ist ein flüsternder Singsang. Er liebt Rosen, immer stehen welche auf seinem Schreibtisch. Sie müssen rosa und frisch sein – mit einem Tautropfen auf jedem Blütenblatt. Er komponiert auch, und nachts spielt er Klavier oder hört Bach oder Brahms oder Chopin.

Er stammt aus einer sehr reichen Familie, ist das älteste von elf Kindern – „das dümmste von allen“, wie er selber gern sagt. Drei Schwestern und zwei Brüder sind Ärzte, drei Brüder sind Apotheker und zwei andere Ingenieure.

Er ist 37 Jahre alt und General. Er liebt Frauen und trinkt gern. Er spricht von seinen Fehlern und rechtfertigt sich damit, daß er eben verwöhnt sei. Verwöhnt, aber doch nicht ohne Lebensklugheit. An der Wand seines Büros steht zu lesen: „Wachse gelassen inmitten des Lärms und vergiß nicht, daß der Frieden in der Stille liegt. Unterwirf dich nicht, aber stelle dich gut mit allen. Sage die Wahrheit, ruhig und klar. Und höre anderen immer zu – auch den Langweiligen und Dummen.“

Er spricht Französisch so gut wie Vietnamesisch. Von 1953 bis 1958 hat er in Frankreich studiert. Zuerst in einem katholischen Institut, dann auf einer katholischen Universität – und dies als Buddhist. Nach fünf Jahren hatte er drei Examen in der Tasche, eins in Pharmazie, eines in Naturwissenschaften und eins als Ingenieur.

Mehr als einmal ist er in den Vereinigten Staaten gewesen. Auch Europa hat er bereist, liebt vor allem Florenz und Venedig. Er ist verheiratet und hat vier Kinder: acht, sechs, vier und zwei Jahre alt. Er hat ein Magengeschwür, das ihm viel Schmerzen bereitet. Häufig legt er seine feingliedrige Hand auf den Magen. Er ist eher zierlich und alles andere als hübsch: ein rundes, fleischloses Gesicht, schmale Augen, eine große Nase, ein fliehendes, kaum vorhandenes Kinn.