Von John Russell

Während der kurzen Zeit, die das „Institute of Contemporary Arts“ in seinem neuen Domizil der Carlton House Terrace residiert, hat es schon einige Metamorphosen hinter sich: Es fungierte als Gruselkammer (mit der Eröffnungsausstellung „Das verfolgte Bild“), als Forum für revoltierende Studenten und jetzt, seit dem 2. August, als eine Mischung von Experimentierlabor und Spielzeugladen mit intellektuellen Ambitionen. „Cybernetic Serendipity“ heißt die neue Ausstellung, die Jasia Reichardt drei Jahre lang vorbereitet hat und die, dank des aktiven Interesses und der Generosität einer Anzahl amerikanischer Firmen, großzügig bestückt ist.

„Cybernetic“ist ein Wort, das, mehr oder weniger, jeder noch versteht, mit dem Computerwesen in Zusammenhang bringt. „Serendipity“ ist um einiges älter, wenn auch kaum noch im Gebrauch, und bedeutet so viel wie „die Fähigkeit, glückliche Zufallsentdeckungen zu machen“. Mir freilich kommt dieser Ausstellungstitel als ein Widerspruch in sich selbst vor: Die Fähigkeit, glückliche Zufallsentdeckungen zu machen, gehört nicht ins Reich der Computer, die doch eigentlich für durch rigorose Analysen zustandekommende Entdeckungen und weitreichende Programmierung bestimmt sind. Die Ausstellung zeigt diesen Widerspruch, sie zerfällt säuberlich in zwei Hälften: eine didaktische und eine unterhaltende.

Zunächst also wird uns beigebracht, wie Computer arbeiten, vielmehr, die Computer selber führen es uns vor (öfters auch mal nicht): Wir drücken auf einen Knopf, und der Computer betätigt sich ohne Unterlaß, bis der Nächste in der Schlange der Wartenden dran ist. Später werden uns beispielsweise Computer vorgeführt. Sie finden sich zu gemeinsamem Musizieren bereit: Wenn wir eine Melodie flöten, nehmen sie sie auf, transponieren sie für den Instrumentalgebrauch und spielen säuberlich alle nur möglichen thematischen und harmonischen Abwandlungen durch. Die Computer zeichnen auch Bilder, schreiben Gedichte, treiben Scherze mit dem Fernsehapparat und überlisten uns zu einem Ballspiel, das, Irrtum ausgeschlossen, die Struktur unseres Charakters enthüllen soll. Sie sind wirklich liebenswert, diese Computer, sprechen nur, wenn man sie anredet, und niemals zu lange.

Nur: einen wirklich umfassenden Überblick über den Arbeitsprozeß großmächtiger Maschinen bekommen wir durch all dieses nicht. Es ist notwendigerweise eher so, als befänden wir uns auf einem Rundgang durch die gigantische Bibliothek des British Museum – und dann erlaubte man uns, zehn Minuten lang in den Katalog zu schauen.

Uns wird gesagt, und wir wollen es ja auch glauben, daß das Gedächtnis des Computers lückenlos ist, seine Analysen tausendmal schneller und exakter sind als die eines jeden menschlichen Individuums. Die Vorstellung irritiert uns, und wir gehen zurück und schauen noch einmal auf die verhältnismäßig einfachen Beispiele der Computer-Arbeit, die im ICA ausgestellt sind: die Computer-Grafiken zum Beispiel, von Boeing entworfen, „um die Fähigkeiten des Menschen in Cockpit-Konfigurationen zu bestimmen“. Und die Zeichnungen der menschlichen Gestalt sind in der Tat in ihrer neoklassizistischen Art recht wohlgelungen ...

In der nur dem „Kulturellen“ gewidmeten Abteilung gibt der Computer noch weitere Beispiele seiner vielfältigen Fähigkeiten. Er imitiert eine Flöte und ein Fagott, läßt John Cage eine Geschichte erzählen und ordnet ein Bild von Mondrian neu an (das mir nicht gefiel, obwohl doch, laut Katalog, bei einer Befragung 59 Prozent das vom Computer geschaffene Bild dem Original vorzogen). Aber auch ein paar Ausstellungsveteranen wie Tinguely und Schöffer werden in diesem Zusammenhang mit von Computern angeregten Werken gezeigt. Schöffers Turm für den Pariser Rond-Point de la defense wird 307 Meter hoch werden, auf Lichtunterschiede reagieren, die Farben wechseln und zeitweilig auch Geräusche ausstoßen. Täglich um die Mittagszeit soll er die Börsenkurse bekanntgeben.