Von René Drommert

Unser Redaktionsmitglied René Drommert bereiste seine alte Heimat. Das ist der zweite der in zwangloser Folge erscheinenden Berichte über die Begegnung in Ländern, die aus dem Blickfeld der Mitteleuropäer geraten sind.

Das „Hotel Riga“, in dem ich wohnte, wurde 1956 in der Hauptstadt der Sowjetrepublik Lettland im dekorativ-kolossalischen Stil der Stalin-Zeit erbaut. In einem Wettbewerb für dieses Haus hatte es auch einen wirklich hervorragenden Entwurf gegeben. Doch jener Entwurf wurde als zu modern abgelehnt: als „zu schwedisch“. Der Architekt wurde kaltgestellt. Längst wieder ist er in Amt und Würden.

An der Stelle des „Hotels Riga“ stand früher das „Hotel de Rom“, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, ein Bau aus zaristischer Zeit. Man erzählte sich in Riga, daß der Erste Portier dem Besitzer vor dem Ersten Weltkrieg jährlich ein paar tausend Goldrubel (ein Rubel war 2,17 Goldmark wert) dafür zahlen mußte, daß er in diesem Hause überhaupt Portier sein durfte. Die Gäste, abgesehen von den Reichsdeutschen, die man für sehr knauserig hielt, waren mit Trinkgeldern freigebig. Nicht selten sollen Leute aus hohem russischem Adel, wenn sie nach einigen Tagen das Hotel verließen, dem Portier en passant tausend Rubel in die Hand gedrückt haben.

Als ich anderthalb Wochen im „Hotel Riga“ verbrachte, da war ich mit meinen Mini-Trinkgeldern, die oft nur zehn Kopeken (etwa vierzig Pfennig) betrugen, ein keinesfalls unangenehm auffallender Gast. Trinkgelder, ein Widerspruch zur klassenlosen Gesellschaft, in Moskau vor drei Jahren noch sehr oft zurückgewiesen, wurden hier fast immer angenommen, von Kellnern, Garderobefrauen, Programmverkäufern im Theater, Taxichauffeuren.

Mir scheint, darin drückt sich ein Unterschied zwischen Moskau und dem Baltikum aus. Die sowjetische Metropole ist eher eine Stadt des demonstrativen sozialen und politischen Anstands. Im Baltikum hingegen ist man von jeher nicht prinzipiell und radikal. Leben und leben lassen, das ist eine selbstverständliche Norm. „Zucht und Ordnung“ hat der Bolschewismus freilich auch ins Baltikum gebracht; aber nicht selten setzt sich der alte Lebensstil noch durch. Eines Tages kaufte ich mir auf dem neuen, erfreulich modernen Rigaer Bahnhof eine Fahrkarte an den Strand, nach Assern. Ich wandte mich an eine uniformierte Beamtin, fragte sie, ob es erlaubt sei, die Fahrt zu unterbrechen. Sie antwortete: „Nein, erlaubt ist das nicht. Aber wenn Sie’s niemand sagen, geht’s.“