Richard Wagner: „Das Rheingold“; Fischer-Dieskau, Veasey, Kelemen, Wohlfahrt, Talvela, Ridderbusch, Mangelsdorff, Kerns, Grobe, Stolze, Dominguez, Donath, Moser, Reynolds, Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; Deutsche Grammophon Gesellschaft 104 966/68, 58,– DM, erscheint in Kürze.

Wer sein Gerät auf Zimmerlautstärke einstellte, verpaßt den Anfang; auch wer den Verstärker weiter aufdrehte, muß sehr genau hinhören; leiser als in dieser Aufnahme kann man den Orgelpunkt auf dem tiefen Es zu Beginn des Vorspiels nicht einsetzen lassen. Rund einhundertzwanzig Takte später wäre umgekehrt die höhere Pegeleinstellung unerträglich. Die Steigerung kurz vor dem Einsatz der drei Rheintöchter ist bis zum äußersten Fortissimo hochgetrieben. Karajan nimmt weder Rücksicht auf eventuelle schlechte Wiedergabegeräte noch auf den dünnwandigen sozialen Wohnungsbau – wenn schon, dann höre man den ganzen Wagner mit allen nur denkbaren dynamischen Graden.

Nach der ersten Plattenseite („In der Tiefe des Rheins“) ist Karajan gegenüber seinem Schallplattenkonkurrenten Georg Solti (der auf Decca SXL 2101/03-B die zweite derzeitig erhältliche Gesamtaufnahme dirigiert) bereits über eine Minute langsamer – nach der zweiten Plattenseite („Freie Gegend auf Bergeshöhen“) führt Karajan mit eineinhalb Minuten; am Ende liegen beide (2 h 23’) gleichauf fünf Minuten hinter dem diesjährigen Bayreuther „Ring“-Dirigenten Lorin Maazel: Karajan hat seine frühere Forderung, das „Rheingold“ dürfe nicht viel länger als zwei Stunden dauern, um nicht „feierlich“ zu wirken, nicht aufrechterhalten – feierlich ist das „Rheingold“ trotzdem nicht geworden.

Besser noch als vor der Salzburger Breitwandbühne kann Karajan mit dem vielkanaligen Mischpult der Grammophon-Technik seine kammermusikalische Version und Vision von Wagners Einleitung einer umfassenden Weltkatastrophe realisieren. „Es ist ein Pfuhl von Schrecknissen und Hoheiten“, sagt Richard Wagner zur „Ring“-Musik, und Karajan hält sich an diesen Dualismus. Schrecknisse und Hoheiten sind mit Brillanz modelliert und mit Vehemenz einander gegenübergestellt, zwischen beiden Extremen tut sich ein Pfuhl von Zwischenwerten auf. Farben und Klänge sind in einer nie gehörten Vielfalt gemischt, Linien tauchen auf, die man zuvor kaum kannte, harmonische Rückungen, die bislang im musikalischen Strom untergingen, erhalten jetzt ein episch-erklärendes Gewicht, Gegensätze werden in ganz kleinen Zäsuren angezeigt, Pausen spielen eine deutliche Rolle, und die ganz leichten Tempo-Wechsel basieren auf dramaturgisch sicheren Konzeptionen.

Vor allem Stimmen und Orchester haben – selbst gegenüber Böhms Bayreuther und Karajans Salzburger szenischem „Rheingold“ noch weniger Pathos, noch weniger Schwere. Fischer-Dieskaus Wotan: ein Gentleman und Schöngeist, der an das tragische Ende noch nicht glauben will; Erwin Wohlfahrts Mime: gequälte Kreatur, aber auch betrogene Intelligenz; Gerhard Stolzes Loge: ein sarkastischer Spötter, ein sachlich kalkulierender Realist, der mit einem einzigen Stimmtimbre-Wechsel lange Kommentare einspart. Gegenüber der letztjährigen „Walküre“ ist das „Rheingold“ in Stimmen wie Orchester noch exzellenter geworden. Die Plattenaufnahme macht einen Salzburg-Besuch eigentlich überflüssig. Heinz Josef Herbort