Von Willi Bongard

Wer sich an Weltrekorden zu berauschen vermag (und sich obendrein damit abgefunden hat, daß auch die holde Kunst dem Gesetz des Kommerz unterliegt und ihren Markt hat), dem sei dringend die Lektüre des Jahresberichts von Sotheby’s, des – mit Abstand – größten Kunstauktionshauses der Welt empfohlen: Die Saison 1967/68, die in Londons Bond Street, sozusagen der Wallstreet des Kunsthandels, soeben zu Ende gegangen ist, schloß für Sotheby’s mit einem Umsatzweltrekord von 30 092 764 Pfund Sterling oder rund 289 Millionen Mark. Das ist indessen nur einer von insgesamt 52 „Weltrekorden“, die im Jahresbericht dieses Mammutauktionshauses verzeichnet sind ...

Die Fairneß – gegenüber dem zweitgrößten Kunstauktionshaus Christies’, das es in der vergangenen Saison auf einen Umsatz von immerhin 700 000 Pfund Sterling oder 112 Millionen Mark brachte – gebietet es, festzuhalten, daß rund 90 Millionen Mark des Sotheby-Umsatzes auf das Konto der vor vier Jahren erworbenen New Yorker Tochter Parke-Bernet entfallen.

Der Jahresbericht 1967/68 mit der simplen Überschrift „Sotheby’s Top 30.000.000“ ist zweifellos der stolzeste in der 224 Jahre alten Geschichte dieses Hauses. Er ist zugleich ein handfester Beweis dafür, daß London nach wie vor der führende Platz im Kunstauktionsgeschäft ist.

Es sind der Gründe viele, die den Londoner Platz zum Kunsthandelsplatz Numero 1 gemacht haben (siehe „Wenn der Hammer fällt“, Die ZEIT Nr. 29 vom 19. Juli 1968). Die rasante Steigerung des Umsatzes in der vergangenen Auktionssaison hängt nicht zuletzt mit den allgemein anziehenden Preisen für Kunstwerke, sowohl Alter Meister wie auch vor allem französischer Impressionisten – den Lieblingskindern des Auktionsgeschäfts – zusammen. Die Inflationierung der Kunstpreise hängt wiederum zusammen mit einer allgemeinen Flucht in die Sachwerte, die in England ein besonders starkes Ausmaß angenommen hat, seit das Pfund in eine Krise geriet, die mit der Abwertung nur ein vorläufiges Ende gefunden zu haben scheint.

Inflationsbewegung hin, Pfundkrise her, Tatsache bleibt, daß die Kunst, um mit dem Milliardär Paul Getty zu sprechen, nach wie vor „die schönste und befriedigendste aller Kapitalanlagen“ ist.

Es lohnt sich, die Sotheby’s Saison 1967/68 unter diesem Gesichtspunkt Revue passieren zu lassen und wenigstens einige der 52 „Weltrekorde“ zu vermerken. Es fing am 1. November 1967 mit der Versteigerung britischer und kontinentaler Zeichnungen aus dem Besitz von Mr. und Mrs. Juda an, wobei eine Sutherland-Zeichnung von W. Somerset Maugham einen „Weltrekordpreis“ von 36 800 Mark erzielte.