Von Werner Ross

Die Mode ist wieder zur Mode geworden: Der Jugendstil hat sich mit dem Beat verschwistert, seine Serpentinen laufen über Miniröcke, und die Teenager hängen nicht mehr Pechstein, Braque und Otto Müller an die Wand, sondern Aubrey Beardsley.

Die Wiederkehr war freilich von langer Hand vorbereitet; Kunstwissenschaft und Kunsthandel wirkten zusammen, um Verlachtes und Begrabenes für den Forscher interessant und für den Sammler attraktiv zu machen. Ausstellungen und Auktionen haben die Namen unter die Leute gebracht und die Preise steigen lassen; was gestern noch Opas (oder besser: Omas) Kitsch war, hat heute adelnde historische Distanz. Schon liegt ein Forschungsbericht vor (Jost Hermand: „Jugendstil 1918–1964“), der die Phasen kritischer Auseinandersetzung und langsamer Aufwertung schildert. Um herauszufinden, was der alte Jugendstil mit dem neuen Stil der Jugend von 1968 zu tun habe, muß man freilich über die „zufälligen“ Ähnlichkeiten des Linienspiels hinaus fragen. Das neuerwachte Interesse ist denn auch folgerichtig nicht bei Kunst und Kunstgewerbe stehengeblieben, sondern hat sich den Inhalten und Aussagen, vorzugsweise also der Literatur zugewandt. Erste Ansätze zu einer solch synthetischen Epochenbetrachtung finden sich bei den Kulturkritikern und Zeitanalytikern: Walter Benjamin, Dolf Sternberger, Otto Friedrich Bollnow. Dissertationsreif wurde das Thema vor rund zehn Jahren, und seitdem häufen sich die Arbeiten nach dem Typus: Jugendstil bei X. George, Rilke, Thomas Mann, Mombert, Heym, Hesse haben demnach jeweils eine Jugendstilperiode durchgemacht, das Fundprinzip hat sich als fruchtbar erwiesen. Ein Reclam-Bändchen stellt schon Lyrik des Jugendstils vor und paart Bierbaum mit Trakl, Morgenstern mit Holz, Dehmel mit George. Der Letzterfaßte in der Reihe ist Frank Wedekind –

Friedrich Rothe: „Frank Wedekinds Dramen“ – Jugendstil und Lebensphilosophie; J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart; 150 S., 22,– DM.

Man sieht: wie so oft in der deutschen Wissenschaftsgeschichte sind neue Epochenbegriffe gefräßig, erweitern sich, annektieren Ringsumliegendes und verwischen eben damit die Konturen. Wedekind, vorher als Vorläufer von Expressionismus oder Surrealismus eingeordnet, wird umorientiert, allerdings nicht ohne Vorsicht. Neben den Jugendstil ist gewichtig das Wort „Lebensphilosophie“ gesetzt, und in der Einleitung wird Max Horkheimer zitiert, der in einem Frankfurter Vortrag 1957 sagte, man müsse neben dem dekorativen Jugendstil einen „großen Jugendstil“ unterscheiden, zu dem Nietzsche, Freud und Ibsen in Beziehung ständen. „Lebensphilosophie“ war auch schon das Stichwort jener ersten Dissertation, die sich 1957 an den Jugendstil in der deutschen Lyrik wagte.

Dieses Stichwort erscheint breit aufgefächert und vielfältig belegt wieder in dem Aufsatz „Aspekte der deutschen Literatur um 1900“ in –

Wolfdietrich Rasch: „Zur deutschen Literatur seit der Jahrhundertwende“ – Gesammelte Aufsätze; J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart; 326 S., 29,80 DM.