„Der Zug für einen deutschen oder europäischen Erdölkonzern ist noch nicht abgefahren.“ Mit diesen Worten plädierte der Vorstandsvorsitzende eines der im internationalen Maßstab kleinen deutschen Mineralölunternehmens, der Wintershall AG, Dr. Josef Rust, in den letzten Jahren für einen Zusammenschluß der deutschen Erdölinteressen. In der vergangenen Woche fand endlich das erste, wenn auch nicht sehr ermutigende Gespräch im Bundeswirtschaftsministerium statt. Noch klaffen die Meinungen weit auseinander. Nationaler oder europäischer Konzern, das ist die Frage. Auf längere Sicht wird der Europalösung die Zukunft gehören, zumal die Franzosen zu einer Kooperation bereit scheinen. Heinz-Günter Kemmer und Georges-Louis Puech berichten über die Zukunftsaussichten für den Aufbau eines übernationalen europäischen M Mineralölkonzerns.

Die Kohle gehört uns – fast – allein. Beim Öl wird der deutsche Markt zu gut drei Viertel von ausländischen Gesellschaften versorgt. Anders ausgedrückt: Die Energie von gestern ist national, die von heute und morgen international. Doch das ist beileibe kein Grund, von einem nationalen Unglück zu sprechen – immerhin wird selbst in Krisenzeiten Öl in ausreichender Menge zur Verfügung gehalten. Und was die Preise angeht – wenn jemand den deutschen Verbraucher ausnimmt, dann allenfalls die öffentliche Hand, für die der Verbraucher von Mineralöl ein beliebtes Besteuerungsobjekt ist.

Bei diesem Hintergrund ist der Gedanke, alles so zu lassen, wie es ist, gar nicht so abwegig. Schließlich fliegen unsere nationalen Fluggesellschaften ausschließlich mit ausländischen Flugzeugen, schließlich fahren wir recht gut mit ausländischen Computern, und schließlich – um einen letzten Punkt zu nennen – waren ausländische Unternehmen an den Zulassungen von Personenwagen im ersten Halbjahr 1968 mit 53,6 Prozent beteiligt, wenn man Ford und Opel gleich Esso und Shell zu den ausländischen Unternehmen zählt. Auch der technische Fortschritt steht nicht auf dem Spiel, wenn man sich nicht oder nur wenig in der Mineralölbranche betätigt – für Computer gilt das schon eher.

Dennoch – diese „Überfremdung“ des deutschen Ölmarktes löst ein Unbehagen aus, der Begriff „internationale Ölkonzerne“ weckt häufig negative Assoziationen. Nicht an der Tankstelle, wo dem Benzin der internationalen Gesellschaften munter zugesprochen wird, obwohl doch die größte nationale Marke seit einigen Wochen „in jedem Liter ein Gläschen Alkohol“ offeriert, wohl aber am Schreibtisch und in den Büros. Und dieses Unbehagen ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß das internationale Ölgeschäft undurchsichtig und damit geheimnisumwittert ist. Schließlich ist ja die Vermutung, daß sich die „sieben Schwestern“, wie die Großen der Branche gern genannt werden, trotz aller Konkurrenz ganz gut miteinander vertragen und nicht nur bei der Erdölförderung miteinander kooperieren, nicht so ganz abwegig.

Wie auch immer, das Unbehagen reicht aus, den Wunsch nach einer Stärkung der deutschen Ölgesellschaften zu wecken. Nicht in dem Sinne, daß der Verbraucher zum überwiegenden Teil von deutschen Unternehmen versorgt werden soll, aber eine starke eigene Gesellschaft wünscht man sich schon. Eine Gesellschaft eben, die auf dem Markt „mitmischen kann“, die sozusagen ein Regulativ ist und uns – drücken wir doch unverblümt die landläufige Meinung aus – vor einer Ausbeutung durch die internationalen Konzerne schützt.

Im übrigen ist das kein spezifisch deutsches Problem, eher ein wohl in Deutschland noch nicht gelöstes Problem. Unsere großen Partner in der EWG, die Italiener und die Franzosen, sind uns beim Aufbau einer nationalen Ölindustrie um ein gutes Stück voraus und deshalb liegt der Gedanke nahe, es doch gleich auf europäischer Ebene zu versuchen und eine gemeinsame europäische Mineralölgesellschaft zu schaffen. Diese Idee ist deshalb verlockend, weil sich ein solches Unternehmen auch international sehen lassen könnte.

Freilich par ordre de mufti läßt sich ein solches Gebilde nicht schaffen. Da sind zunächst die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse – ein buntes Gemisch aus staatlichen, halbstaatlichen und privaten Betrieben, die einer Zusammenfassung im Wege stehen. Mindestens genauso schwer wiegt, daß wir zwar eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft haben, jedoch immer noch in nationalen Kategorien denken. Kurz und gut – vor ein solches Unternehmen wäre eine langwierige Prozedur des Abwägens gesetzt, bei der jeder seinen eingebrachten Anteil so teuer wie möglich verkaufen möchte.