Sieben Jahre nach dem 15. August in Berlin: Der kleine Rest von Kleinem Grenzverkehr

Von Horst Rieck

Die jungen Leute, die ihren Wagen der kleinen Klasse wenige Meter vor dem Mauerwerk auf dem holprigen Pflaster der Schlesischen Straße in Kreuzberg zum Liebesspiel geparkt haben, nehmen keine Notiz von dem Mann, der pünktlich um 21.45 Uhr von der Schlesischen Straße zum Schleusenufer einbiegt. Es ist Herr Kramm, Jahrgang 1901, wohnhaft in Groß-Ziethen, DDR, südlich von Buckow gelegen. Von abends zehn bis morgens sieben Uhr verrichtet er in Westberlin seinen Dienst als Schleusenwärter.

Wenn die Nachrichten des Adlershofer Fernsehens um 20 Uhr beendet sind, muß er sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz machen. „Früher ging es etwas schneller, da hatte ich eine bessere Anfahrt mit der Elektrischen und bin erst nach der West-Tagesschau aus dem Haus gegangen“, sagt er. Früher, das ist für ihn die Zeit vor dem 13. August 1961. Er machte damals gerade Urlaub: „Nach ein paar Tagen Ungewißheit hat sich dann alles geregelt.“

Außer Herrn Kramm benutzen Urlauber-Rentner aus Ostberlin und der DDR die Oberbaumbrücke über die Spree in Richtung Westen. Hilfreiche Angebote einer Rote-Kreuz-Schwester, so wissen Westberliner Grenzpolizisten zu berichten, müssen ihnen oft die Willkommensgrüße der Verwandten ersetzen. In anderer Richtung passieren täglich vier oder fünf Personen. „Det sind Ärzte und Ingenieure und so“, sagt der Polizist, „die sin schon so alt und so lange bei de gleichen Arbeitgeber beschäftigt, der der Osten janich uff die vazichten kann.“

Die Männer von Westzoll und Westpolizei haben für Herrn Kramm eine extra Liste, auf der sie festhalten, wann er kommt und geht. „Issen sehr anständijer Mann, der Schleusenopa. Mit dem reden wa schon mal.“ Und entschuldigend heißt es dann: „Is ja och nich inner SED.“

Für die wenigen hundert Meter vom Grenzübergang bis zu seiner Schleuse braucht Herr Kramm eine Viertelstunde. Seine Beinprothese bestimmt das Tempo. Der Weg führt vorbei an leeren Läden, an säuberlich aufgereihten Motorrädern der Kreuzberger Rocker und einem vernagelten Kino. Nachts wird kein Schiff vom Landwehrkanal in den Osthafen geschleust. Tagsüber, so erzählt sein Westberliner Kollege, sehe es nicht viel anders aus. „Aber es könnte mal Hochwasser sein“, sagt Herr Kramm, „und da muß ich aufpassen.“ So will er’s noch zweieinhalb Jahre halten; dann ist er siebzig Jahre alt und hat zwanzig Jahre Schleusenwärterdienst hinter sich. „Mein Nachfolger wird sicherlich nie Westberliner sein“, meint er.