Bonn im August

Die Demokratisierung scheint auch vor den letzten Bastionen der Ordnung nicht mehr haltzumachen: Sie dringt jetzt in die Zuchthäuser und Gefängnisse ein. Dieser Tage soll in Frankfurt von einigen Juristen die erste Gefangenengewerkschaft der Welt gegründet werden. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Die Juristen haben sich nichts zuschulden kommen lassen; sie handeln stellvertretend für jene, die zur Zeit nicht öffentlich auftreten können.

Da jährlich einige Hunderttausend Menschen in der Bundesrepublik mit Zuchthäusern und Gefängnissen Bekanntschaft machen, braucht sich die neue Organisation um Nachwuchs nicht zu sorgen. Manche Gewerkschaft in der Bundesrepublik wäre froh, wenn sie unter ähnlich günstigen Voraussetzungen arbeiten könnte. Und ihre Ziele – zeitgerechter Strafvollzug, Reform des Strafrechts, bessere Richterausbildung, höhere Entlohnung der Pflichtverteidiger – zeugen von einem Verständnis für das Gemeinwohl, das geradezu vorbildlich ist.

Freilich bleiben noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Wo findet man einen geeigneten Raum für Gewerkschaftstage? Welcher gewerkschaftlichen Kampfmittel soll man sich bedienen? Muß künftig das Recht der Demonstration auch den Gefangenen erlaubt werden? Wie kommt die Gewerkschaft bei der zu erwartenden hohen Mitgliederfluktuation überhaupt zu ihren Beiträgen? Alles ungelöste Probleme!

Immerhin ein Anfang scheint gemacht. In einigen Jahren wundert sich vielleicht schon niemand mehr, wenn in den Zuchthäusern für die paritätische Besetzung der Anstaltsdirektionen demonstriert wird. R. Z.