Über das bestürzende Gefühl, nichts zu fühlen, wenn in diesen Wochen an den Litfaßsäulen statt der gewohnten Theaterpläne und Vorankündigungen das Wort „Theaterferien“ prangt, schrieb hier in der vergangenen Woche Horst Krüger. Er vergaß bei seiner beredten Klage über all die Theaterlust hemmenden Details nur eins: eben jene Litfaßsäule, deren dem Schauspiel gewidmete Sektion ihm offensichtlich auch immer dann nur ins Auge fällt, wenn ihm und dem Ensemble dort Ferien verheißen werden.

Und wirklich: wen außer den ortsansässigen Oberschülerinnen könnte so ein Plan, so eine Dreizeilennotiz, die sich von einem lapidar fettgedruckten „Johanna von Orleans von Friedrich von Schiller“ hin zu der Mitteilung steigert, daß heute Fräulein Ingelore Strahlentau a. G. zu besichtigen sei, wer würde angesichts dieser Mitteilung schon den Drang verspüren, sofort zu der Stätte, wo sich derart Atemberaubendes zutragen wird, zu eilen?

In Hamburg, wo Egon Monk, der Nachfolger Oscar Fritz Schuhs und neue Leiter des DeutschenSchauspielhauses, völlig am Nullpunkt anfangen muß und kann, sollen die Litfaßsäulenumwanderer jetzt in Theaterversuchung geführt werden: Horst Janssen, Deutschlands Beitrag zur Biennale ’68, hat soeben die ersten beiden von insgesamt elf Plakaten fertiggestellt, die die elf für die kommende Saison vorgesehenen Premieren auf ihre (vielmehr seine, nämlich ganz unverkennbar Janssens) Art ankündigen und publik machen sollen. Wer Janssens rotschwarz erstrahlende Bilderbögen sieht, kann auf den ersten Blick gut meinen, hier handle es sich um die Ankündigung für ein Keller-Künstlerfest, eine Galerie-Eröffnung oder eine andere nicht gerade staatlich subventionierte Veranstaltung. Und wenn er dann, irritiert durch in Kettenreaktion agierende Pistolenhände, entziffert, daß hier eine Produktion des Deutschen Schauspielhauses unter dem Titel „Über den Gehorsam“ angekündigt wird, wenn er auf einem Plakat „Die Räuber“ die edle Amalie als zwischen dunklen Gestalten verschleiert hervorblickende Mini-Räuberbraut entdeckt, so könnte vielleicht eine unbezähmbare Neugier auf Friedrich von Schiller aufkommen.

Bleibt dann nur noch eins: daß Monk hält, was Janssen verspricht. Petra Kipphoff