Wenn es erst einmal soweit ist, daß die deutschen Verkehrspolizisten als die nettesten der ganzen Welt angesehen werden, dann wird man darauf hinweisen müssen, daß Hof an dieser Höflichkeit viel Anteil hat. Das „Städtische Hauptverwaltungsamt“ jener Stadt hat nämlich das Verdienst, ein zwölf Seiten schmales und in bestem Deutsch verfaßtes Heft in Druck gegeben zu haben, das den Titel „Vom Umgang mit Verkehrssündern“ trägt. Sein Autor heißt Hans Funk. „Was für ein erstaunlicher Mann!“, so wundert sich der unbefugte Leser im stillen.

Für unbefugt muß sich hier jeder Leser halten, der keine Polizeiuniform trägt. Denn der moderne Knigge aus Hof wendet sich ausschließlich an Polizisten. Dennoch haben Zivilisten diese vom Stadtpolizeiamt Hof herausgegebenen „Richtlinien für das Verhalten beim Einschreiten gegen Verkehrsstörer“ unter der Hand weitergereicht und ihnen ein allgemeines Ansehen verschafft – ein Umstand, der den Mann in Hof geradezu hoffärtig machen könnte.

Doch da scheint keine Gefahr zu sein. Denn wenn der Leser auch nicht zweifelt, daß es sich bei Herrn Hans Funk um einen Polizeibeamten handelt, so sucht er doch vergeblich nach Rang und Titel. Funk, einfach Funk. Und dies im sprichwörtlich titelfrohen Bayern! Dies in unserem lieben Deutschland, wo West und Ost brüderlich an der Frage festhalten: „Mensch, Sie wissen wohl nicht, wen Sie vor sich haben?“ Im Falle von Herrn Funk wissen wir es wirklich nicht. Erstaunlich!

Damit nun aber unser Staunen nicht über alles Maß hinauswächst, sei angemerkt, daß Funk seiner Schule polizeilicher Höflichkeit ein Quellenverzeichnis hinzufügt, in dem Beispiele aus Fürth und aus Niedersachsen erwähnt werden. Auch nennt er Arbeiten von Psychologen, daiunter eine mit dem Titel: „Sprachliche Bewältigung von Konfliktsituationen.“ Wobei offensichtlich die Sorge des Polizeibeamten gemeint ist, der sich fragen muß: Wenn’s Krach gibt mit einem Verkehrsteilnehmer – was muß ich da sagen, um mit der Sache fertig zu werden?

Nun, das Bemerkenswerte an den Ratschlägen aus Hof scheint zu sein, daß Hans Funk seine Kollegen bei ihren Sorgen um die „sprachliche Bewältigung von Konfliktsituationen“ nicht allein läßt, sondern ihnen beispielsweise Eugen Roth zitiert: „Ein Mensch fühlt gänzlich sich verwandelt, sobald als Mensch man ihn behandelt.“ Auch weist er darauf hin, daß Worte wie „Bitte“ und „Danke“ im Sprachschatz eines Polizisten, der einen „Sünder“ oder „Störer“ vor sich hat, getrost vorkommen dürfen.

Ja, er hält es für korrekt, daß der Beamte „Guten Tag“ sagt, ehe er „einschreitet“, sich sogar vorstellt, seinen Namen nennt und sein Revier. Er hält es für verständlich, aber nicht für klug, wenn ein Beamter, kommt man ihm grob, mit gleicher Münze heimzahlt. Ausdrücklich warnt er: „Kein grober Klotz auf einen groben Keil!“ Und hilft dann alles nichts, und wird der Krach („Konfliktsituation“) so schlimm, daß dem Beamten sich unwillkürlich Sätze wie „Mit Ihnen werde ich schon noch fertig!“ auf die Lippen drängen, so soll er lieber sagen: „Es hat keinen Sinn mehr, so zu verhandeln. Machen wir Schluß.“ (Es folgt also das Protokoll, wenn sprachlich nichts mehr bewältigt werden kann.)

So kommt dem Leser alles, was Herr Funk da schreibt, ganz und gar vernünftig vor. Mit anderen Worten: Wir kleinen Leute, ob Sünder oder Störer, haben ja immer schon geglaubt, daß eigentlich die Verkehrspolizisten sämtlich und überall so sein sollten, wie sie vielleicht in Hof schon sind. Aber wir dachten auch: Sollen und können, das ist wohl manchmal zweierlei. Doch siehe: Herr Funk ist optimistisch. Seien wir es auch!